Montag, 21. Oktober 2013

Performativer Rundgang durchs Unionviertel

"...Pack die Regenjacke ein, nimm dein kleines Schwesterlein und dann nix wie raus zum Rundgang..."

Gestern bin ich mit meinem kleinen Schwesterchen einen Rundgang mitgegangen.
(Nur zu zweit, weil der Rundgang nicht für rollstuhlfahrende Zwillingsschwestern ausgelegt ist.) 

NEW INDUSTRIES FESTIVAL: Jens Heitjohann – I promise, I am the Future – Performativer Rundgang


Für Infos vom Veranstalter bitte hier klicken.

Die Sonne lachte vom Himmel, die Karten waren bereits vorab gekauft und die wetterfeste Kleidung stand parat. Wie sich später herausstellen sollte, lachte die Sonne nämlich nicht die ganze Zeit vom anfangs hellblauen Himmel...

Los gings um 14 Uhr im Dortmunder U, in der 4. Etage. Der Weg dorthin führte natürlich über die Rolltreppen. Zur Zeit sind die 9 "Fenster" im Treppenhaus mit Videospielen gefüllt. Auf jeder Etage kann man sich ein Gamepad schnappen und spielen. Sah total witzig aus und wurde auch auf mehreren Stationen fleißig bespielt.


In der 4. Etage bekamen wir jeder einen Button, den wir gut sichtbar an unserer Kleidung befestigen sollten, und einen Stadtplanausschnitt vom Unionviertel:



Die erste Etappe führte durch das U. Geführt wurden wir auf Tablet-PC´s und über Kopfhörer von 2 älteren Herren, die früher einmal in der Unionbrauerei gearbeitet hatten. Es war sehr interessant von 2 Menschen Geschichten über das ehemalige Brauergebäude und -gelände zu hören, das nun das Museum "U" darstellt.

















Über die Rolltreppen gings mit den Zweien Etage um Etage höher, bis wir ganz oben angelangt waren.


 

Hier "verließen" uns die zwei Herren und baten uns über die Aufzüge nach unten ins EG zu fahren. Dort wurde uns von einer Mitarbeiterin die Ausrüstung abgenommen.

Nun sprach uns eine Frau an. Sie führte uns aus dem U heraus, in das Unionviertel hinein. Sie sprach von Werten und Normen, von dem Gefühl von Scham. Von dem Verlust der Arbeitsstelle. Davon, wie es ist, sich selbst komplett verbiegen zu müssen, sich selbst zu verleugnen, bloß um eine Arbeit zu behalten. Was sind wir wert? Wer bestimmt unseren Wert? Sie hat dies sehr anschaulich in Worte gepackt. Ihre Worte regten zum Nachdenken an. Es entwickelte sich kein Gespräch, es war ein Monolog. Aber so war es auch passend. Sie hatte eine sehr eindringliche, nachdenklich stimmende Stimme.

An der Kirche der spanisch-katholischen Mission schellte sie und "übergab" uns an den Priester. Er führte uns in das Gebäude hinein. Wir nahmen Platz. Auf dem Tisch in der Mitte lagen Zettel.


Auf den Zettel standen Bibelzitate. Aber auch ein aus dem spanischen übersetzter Brief an ihn. Das Original kam von einem ehemaligen Gemeindemitglied. Und es gab eine Bibel. Der Priester stellte spanische Musik auf einem Plattenspieler an, setzte sich zu uns, bat uns zu lesen und zündete sich eine Zigarette an. Wir lasen einige Zitate und den Brief. Die Bibel erschien uns doch etwas zu dick. Dann stellte er die Musik ab. Er fragte, was für uns Vertrauen bedeutet? Wem wir vertrauen? Was Vertrauen ausmacht? Er erzählte, wie er damals, vor etlichen Jahren, nach Dortmund kam. Er spürte eine enge Verbundenheit der Menschen. Das Vertrauen, das wir von Familie und Freunden bekommen, das ist das stärkste, das uns widerfahren kann. Er erzählte, wie sehr er beeindruckt war von dem Zusammenhalt hier im Unionviertel, in seiner Gemeinde.

Als nächstes schickte er uns eine Straße weiter zu "Global Tamil Vision". 
 

Dabei handelt es sich um einen tamilischen Fernsehsender, der von Dortmund aus international sendet. Im Unionviertel gibt es viele Migranten aus Sri Lanka. Viele Geschäfte und Lokale mit tamilischen Spezialitäten. Uns wurde eine Art Werbefilm gezeigt. Dieser war in einem der tamilischen Geschäfte gedreht worden. Ein Interviewer stellte dem Geschäftsinhaber Fragen zu seinem bisherigen Geschäftsleben. Wie schwer es war, hier Fuß zu fassen. Ob er damals überhaupt ein Geschäft eröffnen wollte. Wie sein Geschäft im europaweiten Vergleich aufgestellt ist. Dieses Interview war auf tamilisch. Wir bekamen eine deutsche Übersetzung hierzu. Schnell merkten wir, dass die tamilische Sprache sehr viel blumiger und mit viel mehr Wörten ist, als die deutsche. Zwischen unseren Stühlen stand ein Mikro. Nun sollten wir versuchen, diesen Werbefilm mithilfe der deutschen Übersetzung zu synchronisieren. Gar nicht so einfach, wenn der deutsche Text mit so wenigen Worten etwas ausdrückt, das im tamilischen so viel länger ist... Der Zusammenschnitt war deshalb um so lustiger, weil unsere Stimmen längst verklungen waren, als sich die Münder noch bewegten :-)

Nun bekamen wir MP3-Player. Wir sollten zu einer Baumscheibe ein paar Straßen weiter gehen und dann zeitgleich unsere MP3-Player starten. Die Stimmen würden uns weiterführen. 



Wir starteten unsere MP3-Player zeitgleich.
Ich hörte im Hintergrund leise Stimmen, Worte waren nicht erkennbar. Im Vordergrund war Lärm. So wie, als wenn Kinder eine leere Coladose oder so vor sich her schießen. Irgendwann stand meine Schwester auf und schaute verständnislos, warum ich noch sitzen blieb. Es dauerte ein paar verwirrte Momente, bis wir merkten, dass wir verschiedene Sachen hörten. Ihr wurde von einer Frauenstimme etwas erzählt, von der Umgebung, von dem Weg, den wir jetzt gingen. So gingen wir zu zweit weiter. Also eigentlich zu mehreren, weil die Stimmen ja da waren. Wir hörten beide verschiedenes, das aber in einem Gruppen-Rundgang aufgenommen worden sein musste. Von verschiedenen Mikros, an verschiedenen Standorten in der Gruppe. Mich überkam es irgendwann und ich kickte auch einen Stein vor mir her. Dieses Scheppern auf meinen Ohren beflügelte mich dazu :-)




Von der Stimme in dem Kopfhörer meiner Schwester wurden wir zu einer Privatwohnung gelotst. Hier wartete ein Zwangsvollstrecker auf uns. Er erzählte aus seinem beruflichen Alltag. Was passiert, wenn jemand in finanzielle Not gerät. Wenn er seine Schulden nicht mehr bezahlen kann. Der Zwangsvollstrecker erzählte, dass er dann in fremde Wohnung eindringt. So wie wir gerade in dieser fremden Wohnung saßen. Dass er die Einrichtungsgegenstände auf Wert beurteilt und mit einem "Kuckuck" beklebt. Dass er aber auch versucht, mit dem Schuldner eine Lösung zu finden. Damit dieser seine Schulden abbezahlen kann.


Draußen erwartete uns ein Chauffeur. Wie wir erfuhren, war die "Stimme", die wir eigentlich hören sollten, erkrankt und deshalb noch nicht auf Band. War aber nicht schlimm, wir bekamen den Text auf Zetteln und konnten ihn in Ruhe lesen. Der Chauffeur fuhr uns in sehr sehr sehr langsamer Schrittgeschwindigkeit durchs Viertel. Mal eine völlig neue Perspektive. Ein Chauffeur. Ein teures Auto. Ein eher ärmlich scheinendes Viertel. Aus der Perspektive erschienen die altbekannten Straßen, Plätze, Orte, Häuser, Menschen anders.


An einem leerstehenden Ladenlokal war unser Ziel erreicht. Drinnen wartete ein Herr. Er erzählte uns von seinem Leben. Arbeit wird von vielen als Arbeit betrachtet. Arbeit nimmt die meiste Zeit der Woche ein. Nur am zu kurzen Wochenende blühen die Menschen auf und genießen ihr Leben. Er hat schon früh für sich entschieden, dass dies nix für ihn ist. Er hat sich eine Arbeit gesucht, die ihn erfüllt, keine die ihn knechtet. "Wie wäre es, wenn Sie ein Jahr zur freien Verfügung hätten?" Tja, wenn das liebe Geld nicht wäre... Aber auch dafür wusste der nette Herr eine Lösung. Er arbeitet nebenher als Magier und hat uns mit einer Geldpresse Geldscheine gedruckt :-)


In einem Kiosk erwarteten uns zwei junge Mädchen. Alternativ angezogen. Gewählt in der Ausdrucksweise. Sie schlenderten durch das Viertel und nahmen uns mit. Mit ihrem Gespräch. Über ihr Leben. Ihre Ziele. Ihre Ansichten. Ihre Weltanschauungen. Teilweise sehr irreal, dem Alter sehr unangemessen. Aber sehr schön vorgetragen. Mit einer Leichtigkeit und Souveränität. 

Am ehemaligen Verwaltungsgebäude von Hoesch setzten sie uns ab und gingen allein weiter ihrer Wege.



Innen begleitete uns ein junger Mann. Von ihm bekamen wir wieder MP3-Player. Er führte uns mit einer Taschenlampe durch das seit Jahren leerstehende, aber immer noch sehr imposante Gebäude. An vielen Stellen ist es bereits sehr baufällig. Aber wir konnten noch schön seine frühere Pracht, den früheren Prunk erkennen.


Im 3. oder 4. Stock angekommen, stellten wir uns an ein offenes Fenster (wie wir da bemerkten, ging draußen kurz die Welt unter). Über die Kopfhörer erzählten uns frühere Angestellte vom früheren Leben/Arbeiten in dem Gebäude.














Weiter ging es in ein ehemaliges Dienstzimmer. Ebenso beeindruckend, in der vergangenen Pracht vergangener Zeiten.






Damit war der 3-stündige Rundweg beendet.

Der Rückweg zum "U", als Startpunkt, stand uns noch bevor. Dabei merkten wir, wie sehr wir Hunger bekommen hatten. Es waren doch recht weite Wege gewesen, in den 3 Stunden. Aber, der Weltuntergang mit Starkregen war vorbei und die Sonne kroch wieder hervor :-)




Der Rundgang war sehr beeindrucken. Er wird mich nachhaltig beschäftigen. Die Menschen, die wir getroffen haben, haben mich berührt. Mit ihren Geschichten. Mit ihren Leben. Mit ihren Erfahrungen. Mit ihren Fragen. An sich selbst, an die Gesellschaft, aber auch an uns.

Der Rundgang war so ganz anders, als wir erwartet hatten. Viel tiefergehend. Viel persönlicher. Viel nachdenklicher. 

Der Rundgang hat uns das Unionviertel näher gebracht. Viel näher, als ein normaler Spaziergang es jemals geschafft hätte. Aber er hat uns auch mit den Normen/Werten/Zielen konfrontiert. 

Der Rundgang hat uns zum Hinterfragen angeregt. Hinterfragen von Alltäglichem, Allgegenwärtigem. 

Leider ist der Rundgang nicht für Rollifahrer gemacht. Aber er hat mich trotzdem mitgerissen und berührt. So ganz anders, als ein normaler Museumsbesuch. So ganz anders als ein normaler Stadtrundgang. 


Kommentare:

  1. Danke für den Bericht ! Er macht ungeheure Lust den Rundgang einmal mitzumachen. Ich bin richtig fasziniert.

    Liebe Grüße,
    Sylvia

    AntwortenLöschen
  2. Auf gehts :-)
    Zieh dir bequeme Schuhe an, nimm dir was zu trinken und einen Regenschirm mit!
    Ach ja, unbedingt vorher Karte reservieren.
    Viel Spaß :-) !
    Liebe Grüße,
    Frauke

    AntwortenLöschen
  3. Besser hätte ich es auch nicht wieder geben können :-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Dann schein ich ja auch nix vergessen zu haben, bei all den vielen Eindrücken, die wir bekommen haben :-) Danke dir nochmal für die nette Begleitung!

      Löschen
  4. Der Rundgang hört sich wirklich sehr interessant an - mal etwas ganz anderes! habe richtig Lust bekommen, auch eine so besondere Führung mitzumachen... Mein Freund wohn in Duisburg, also gar nicht soo weit weg. Mal gucken, ob wir Zeit für den Rundgang finden :) Vielen Dank für deinen schönen Bericht!

    AntwortenLöschen

Ich freu mich über jedes liebe Wort von euch :-)