Montag, 31. März 2014

Zeit.

Seit einiger ganzen Weile beschäftige ich mich sehr mit dem Thema Zeit. Zeit verläuft bei mir sehr  unterschiedlich. So verschieden. Nie gleich. Zeit ist sehr vielschichtig.

Zeit ist nicht so einfach wie sie auf den ersten Blick scheint.

Ich nehme Zeit unterschiedlich wahr. 

Lange bin ich der Zeit hinterher gerannt. Nie war ich schnell genug. Die Zeit war immer ein ganzes Stück weiter. Ich wollte die Zeiger der Uhr einholen und bin gerannt und gerannt und gerannt. Dabei habe ich viel Schönes übersehen. Das Wichtigste was mir dabei verloren ging, war Lebenszeit. Die Zeiger meiner Uhren sind gerast. Ich konnte sie kaum noch sehen, so schnell haben sie sich gedreht.

Wie mit Tunnelblick, nur vorwärts schauen, schneller immer schneller.

Dann wurde ich krank. Die Depression kam. Meine (Zeit-)Wahrnehmung änderte sich.


Licht und Schatten. Alles hat zwei Seiten.


Zeitweise blieben die Uhrzeiger stehen. Ich spürte Momente. Ich nahm Minuten wahr. Die Zeit war spürbar da. Noch konnte ich sie nicht genießen. Aber spüren.


Augenblicke genießen. Den Blick in die Ferne schweifen lassen. Die Sonne bemerken.

Ich habe Momente wahrgenommen, die sonst an mir vorbei gerast wären. Vielmehr: ich wäre an ihnen vorbei gerast. Auf meinem Wettlauf mit der Zeit.


Eine Straßenlaterne. Woran erinnert sie? Sie sieht ungewöhnlich aus. Und doch bekannt.


Ich habe mich viel mit dem Thema Depression befasst. Wie sie sich auswirkt, wie Menschen sie wahrnehmen und was sie mit ihnen macht. Ein wichtiger Punkt ist, dass sich die Zeitwahrnehmung ändern kann. In alle Richtungen.


Die Laterne hat Ähnlichkeit mit dem Mond. Doch um das zu sehen muss der Blick in alle Richtungen offen sein.


Bei mir war es eine positive Richtung. Ich lernte nach und nach, die Zeiger anzuhalten. Nicht mehr hinter der Zeit hinterher zu rennen. Und so konnte ich die Zeit verlangsamen. Ich konnte Luftholen, zu Atem kommen. Hin und wieder, da konnte ich sogar die Zeit genießen. Lebensenergie tanken, statt Lebenszeit zu verschwenden.




In der Reha habe ich weitere Dinge gelernt. Über mich, meinen Körper, meine Psyche. Aber auch über die Zeit. Ich hatte manchmal (ACHTUNG!!!): Langeweile! Das Gefühl war mir völlig fremd. Es war seltsam.



Beim ersten Mal habe ich einige Momente gebraucht, um das Gefühl zu verstehen. Langeweile. Die Zeit bleibt stehen. Die Uhrzeiger bewegen sich nicht mehr. Ich stecke fest in der Zeit. Es ist ein starkes Gefühl. Aber weil ich es bis dahin so gar nicht kannte, habe ich es schon fast wieder genossen. Langeweile. Nix zu tun zu haben, keine Lust auf gar nix und die Zeit vergeht und vergeht nicht. Wo ist der Wettlauf mit der Zeit? Der ist in Momenten der Langeweile weg und auch in sehr weiter Ferne am Horizont nicht zu sehen.


Ihr seht, die Zeit wurde langsamer, weil ich langsamer wurde. Ich lernte, bewusster mit mir und meinem Leben zu leben. Und so wurde die Zeit mein Freund. Wir beschnupperten uns. Bei dem ständigen Wettrennen war die Zeit immer ein Stück vor mir. Nun waren wir gleichauf und hatten endlich Gelegenheit uns kennen zu lernen. Von Angesicht zu Angesicht.

Es war nicht immer leicht. Wenn man plötzlich Zeit hat, hat man auch Zeit sich mit sich selbst zu beschäftigen. Das ist nicht immer einfach. Häufig fängt man ja an zu rennen, um dieser Zeitleere davon zu laufen, um sich nicht mit sich selbst auseinander setzen zu müssen.

Entrümpeln. In sich drin. Erkennen, was Müll ist. Was weg kann.
 
Doch warum? Vor was rennen wir immerzu davon? Probleme und Ängste werden nur immer größer, umso mehr ich vor ihnen davon laufe. Sie lösen sich selten von allein auf. Umso schneller ich vor ihnen davon laufe, um sehr mehr Platz räume ich ihnen in meinem Leben ein. Umso größer wird die Angst vor den Problemen, aber auch die Angst vor der Angst.

Wenn ich stehen bleibe, kann ich mir die Dinge ansehen. Sie von allen Seiten betrachten. In aller Ruhe, mit genügend Atem. Beim Davonrennen verbrauche ich nur unnötige Energie und komme aus der Puste. Die Energie fehlt mir dann, um mich meinen dunklen Schatten zu stellen.

Doch während des Krankenscheins und auch während der Reha bin ich stehen geblieben. Vieles wurde mir erst durch das Innehalten bewusst. Vieles habe ich vorher gar nicht wahrgenommen und konnte es auch gar nicht wahrnehmen.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass die Zeit mein Freund bleibt. Hin und wieder darf sie mal rennen. Aber umso häufiger möchte ich sie neben mir wissen. Gleichauf mit mir. In der Geschwindigkeit, die zu mir und meiner Energie passt.

Zeit haben für seinen Lieblingsplatz.


Doch im Alltag lauert die Gefahr. Alte Verhaltensmuster schleichen sich (unbewusst) ein. Hier gilt es wachsam sein. Die Augen offen halten. Die ersten Anzeichen erkennen lernen.

Nur so kann ich dauerhaft lernen, ab und zu bewusst stehen zu bleiben. Luft zu holen. In mich rein zu hören. Meine innere Stimme wahrzunehmen und auf meine Bedürfnisse zu achten.

Meine Armbanduhr trage ich nur noch während der Arbeit. Danach lege ich sie bewusst zur Seite.

Die Zeit gehört mir, denn es ist meine Lebenszeit. Nur ich kann bestimmen, ob ich wieder anfange hinter den Uhrzeigern hinterher zu laufen oder ob ich dauerhaft lerne, die Zeit zu meinem Freund zu machen.



Was sind eure Erfahrungen zum Thema "Zeit"? Wie nehmt ihr Zeit wahr? Ist sie euer Freund oder euer Feind? 




Kommentare:

  1. Hallo Frauke,
    hast du auch mal wieder Zeit zum Stricken? Für mich ist wichtig, dass mir alles, was ich tue, Spaß macht oder einen Sinn hat. Auch wenn ich viel arbeiten muss, sehe ich einen Erfolg und habe Spaß dabei. Das macht es erträglicher. Arbeit und Freizeit ausbalancieren ist eine ganz große Kunst. Auch ich arbeite daran.
    LG Sandra

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    1. Hallo Sandra, zum Stricken "fehlt" mir grad etwas die Zeit. Aber einfach, weil ich so viel anderes mache, dass ich mir die Zeit zum Stricken gerade nicht nehme(n möchte).
      Liebe Grüße, Frauke

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  2. Bei mir rennt sie grad, die Zeit. Und man merkt wie schwer es ist, sie anhalten zu wollen und die eigene genießen zu dürfen. 1000 Dinge gleichzeitig machen zu wollen und dabei die wesentlichen liegen lassen, das passiert mir manchmal, aber ich lerne dazu :-) und so ein schöner Eintrag von dir hilft, mich wieder daran zu erinnern! Danke dafür!

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  3. :) danke für den großartigen Input!

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  4. Hallo Frauke!

    Leider ist das mit der Zeit, bzw. der nicht vorhandenen Zeit, ein echtes Problem heutzutage. Wer erwischt nicht selbst dabei, mit gehetztem Blick auf die Uhr durch den Tag zu rennen und doch nichts zu schaffen. Ich versuche mich auch immer wieder aufs neue in Gelassenheit. Manchmal haben die zahlreichen Termine eines Tages mich fast erdrückt und ich war nur noch genervt, konnte nicht schlafen, nur die Termine im Kopf. Mein erster Schritt, war mir anzugewöhnen, nur 2 Termine pro Tag wahrzunehmen, einen vormittags und einen am Nachmittag. Das hat die Sache schon ganz schön entzerrt. Auch meine Kinder lehren mich jeden Tag aufs Neue, mit der Zeit anders umzugehen. Oft beneide ich ihre Einstellung und erinnere mich an meine Kindheit zurück. Stundenlang konnte ich den Ameisen beim Krabbeln zuschauen, Grashalme betrachten, den Bäumen beim schaukeln zusehen oder einfach nur meinen Gedanken nachzuhängen. Ich war so kreativ, machte mir über Alles so meine Gedanken. Was ist davon geblieben? Leider nicht so viel. Aber ich lerne wieder. Ich habe auch mit dem Bloggen angefangen, um mir die vielen schönen Dinge des Tages in Erinnerung zu rufen, dass man viel geschafft hat, nämlich Zeit mit der Familie. Mein persönliches Ziel wäre es, nur halb so gut wie meine Kinder mit der Zeit umgehen zu können. Einfach mal trödeln und sich einen Krabbelkäfer anschauen. :-)
    Liebe Grüße
    Sabrina

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  5. Liebe Frauke,
    das hast du wieder wunderbar geschrieben. Beeindruckend. Ich freue mich sehr über diesen Bericht und dass du den Mut so ehrlich zu schreiben. Hut ab und weiter so.
    LG Ines

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  6. Liebe Frauke, ein sehr sensibles Thema! Ich danke Dir für Deine offenen und ehrlichen Worte. Zeit! Unbedingt ein Thema an dem ich auch arbeite und das ganz intensiv, aber es ist nicht einfach, das weiss ich! Man ärgert sich auch sehr oft über Dinge, die am nächsten Tag total unwichtig sind, aber die Zeit die man damit verbracht hat sich darüber zu ärgern, bekommt man nicht wieder. Es gibt soviel an Lebenszeit, die man für sich positiv verändern kann. Leicht gesagt, aber nicht so leicht getan.Dafür habe ich heute an meinem freien Nachmittag mal alles liegen lassen was mal wieder auf meiner To-Do Liste stand und hab mich in den Garten gesetzt (und kein bisschen schlecht gefühlt dabei). Dafür werd ich dann vermutlich morgen, nach Feierabend rotieren wie doof. Ich drücke dich und mach weiter so, liebe Grüsse, Nina

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    1. Liebe Nina! Ich finds voll toll, dass du es geschafft hast, heute einfach mal die To-Do-Liste liegen zu lassen! Für Morgen wünsch ich dir einen möglichst entspannten Feierabend, trotz allem wat auf der Liste steht... Liebe Grüße!

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  7. Liebe Frauke, du hast die Gedanken in Bezug auf die Zeit in wundervolle Worte gefasst. Wahrscheinlich wird das umgehen mit der Zeit immer mal wieder eine Herausforderung für uns Menschen in dieser schnellebigen Zeit sein. Liebe Grüße und ein schönes WE, Ina

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Ich freu mich über jedes liebe Wort von euch :-)