Mittwoch, 16. April 2014

Heute ist ... Weltstimmtag (World Voice Day) ...

Au mann... Schon wieder ein Welt-Tag, den ich erst aufn letzten Drücker mitbekommen hab. Schon beim Welt-Geschwister-Tag war ich etwas spät dran. Aber noch ists nicht zu spät, denn noch haben wir den 16. April!

Heute ist der World-Voice-Day! Die offiziellen Infos findet ihr hier.

Beim Stöbern hab ich grad schon ein paar interessante Seite gefunden. Hier ein paar Beispiele:


Doch ich möchte natürlich auch meinen eigenen Senf zum Weltstimmtag beitragen.


Stimme. Ausdruck. Meinungsäußerung. Austausch. Kommunikation.

Geschieht das nur über die Stimme?

Eine Stimme ist einmalig, individuell. Wir Menschen verwenden bei der Kommunikation nicht nur unsere lautsprachliche Stimme, sondern auch Gestik, Mimik, unseren ganzen Körper. Unsere Stimme ist ein Teil davon. Aber nur ein Teil. Alles in allem spielt bei der Kommunikation viel rein, damit eine Kommunikation halbwegs ohne Verständigungsprobleme stattfindet.

Doch was tun, wenn die Stimme fehlt? Hier meine ich die lautsprachliche Stimme. Weil eigentlich jeder Mensch trotz fehlender Stimme mindestens einen, wenn nicht mehrere andere Teile der Kommunikation einsetzt. So weiß z. B. bei einem Lachen oder einem Mundwinkel-nach-unten-ziehen eigentlich fast jeder Gegenüber, was gemeint ist.

Warum ich ausgerechnet beim Weltstimmtag auf eine "fehlende" Stimme komme? Weil ich damit aufgewachsen bin. Meine Zwillingsschwester ist seit unserer Geburt schwerstkörperbehindert, inklusive einer Sprechbehinderung. Die genaue Bezeichnung ihrer Behinderung nennt sich: "Cerebralparese, Tetraplegie". Wiebke ist kognitiv komplett fit. Sie denkt wie jeder andere Mensch auch. Nur kann sie nicht mit einer eigenen Stimme sprechen.

Hier ein älteres Foto von uns beiden.

Ich weiß, wie wichtig eine Stimme ist. Eine eigene. Mit der man sich mitteilen kann. Ich weiß aber auch, dass es andere Wege und andere Möglichkeiten gibt.

Wir haben bereits sehr früh nach alternativen Wegen der Kommunikation gesucht. Damals, vor der Computerzeit, waren es natürlich erstmal die naheliegendsten Dinge:

  • Ja-/Nein-Fragen (also Fragen, die Wiebke mit einem Kopfschütteln oder Nicken beantworten kann)
  • Blicke (z. B. nach oben schauen heißt bei Wiebke bis heute: "der/die/das spinnt")
  • Fotos auf ihrem Rolli-Tisch, auf die sie zeigen konnte (groß genug, weil ihre Feinmotorik sehr eingeschränkt war)
Dann kamen nach und nach die Bliss-Symbole (Bliss-Symbole) in unser Leben. Mit der Zeit hatte Wiebke eine komplette Mappe mit vielen Bliss-Symbolen, um sich verständlich zu machen. Die wichtigsten Symbole kleben bis heute auf ihrem Rolli-Tisch.

Vor mittlerweile ca. 15 Jahren bekam Wiebke dann ihren ersten Talker: den Alpha-Talker (hier ein Bild). Der Talker war damals noch so, dass jemand (sprich: ich) mit seiner Stimme Worte oder Sätze in den Talker sprechen musste, diese aufgezeichnet wurden und von Wiebke später aufgerufen werden konnten. Soviel zur individuellen Stimme. Wir haben uns meine Stimme geteilt. Und doch war es ein riesiger Fortschritt! Eine Stimme, von Wiebke! Plötzlich konnte sie so alltägliche Dinge wie "Gute Nacht!" sagen!

Mit der Zeit kam die Technik in Gang. Mittlerweile gibt es sehr gute Talker mit elektronischer Sprachausgabe. Doch auch diese elektronischen Stimmen sind nicht so richtig vielfältig. Einmal im Jahr fahren wir zu einem Jahrestreffen unterstützt sprechender Menschen. Da ist es mir schon häufig passiert, dass ich dachte, Wiebke sagt was. Und dabei war es jemand völlig anderes, nur mit dem gleichen Talker und der gleichen Stimme :-)

All diese Talker hatten lange Zeit gemein, dass man sie entweder per Fingerdruck auf die einzelnen Felder bedienen konnte. Oder auch mit externen Tasten, die an der Kopfstütze, am Fußbrett oder sonst wo am Rolli befestigt wurden. Oder auch mit einem Stab, der an einem Helm befestigt war, der auf den Kopf gesetzt wurde. Seit einigen Jahren gibt es auch Talker mit einer Augensteuerung (hier ein Beispiel).

Doch all diese Geräte haben noch eines gemeinsam: sie sind sehr teuer und werden nur mit viel hin-und-her (wenn überhaupt) von den Krankenkassen übernommen. Da werden lieber erst teure MDK-Gutachten (Medizinischer Dienst der Krankenkasse) angefordert, die von Ärzten erstellt werden, die von der Thematik keine Ahnung haben und sich meist noch nicht mal auf ein Gespräch mit der betreffenden Person einlassen. Da werden lieber die Personen drumherum befragt und die Kommunikation mit der betreffenden Person wird einfach mal sein gelassen.

Stimme.

Sie ist so wichtig.

Auch wenn man keine eigene hat. Und auch, wenn man seine Mimik, Gestik undsoweiter nutzt.

Doch eine Stimme hilft, gehört zu werden. Von Menschen, denen die Thematik UK (Unterstützte Kommunikation) fremd ist. Von Menschen, die nicht wissen können, wie die individuellen Kommunikationssysteme der einzelnen Leute funktionieren.

Schnell wird man ohne lautsprachliche Stimme abgestempelt. Als "geistig behindert", als "dumm". Ohne Stimme hört man nix und versteht auch nix.

Warum?

Was hat "nicht sprechen können" mit den kognitiven Fähigkeiten eines Menschen zu tun?

Das sind festverankerte Vorurteile in vielen Köpfen. Zum Glück ändert sich das nach und nach. Die Menschen werden offener, in ihrem Denken, Reden, Handeln. Inklusion rückt in den Vordergrund und damit auch all die verschiedenen Formen des Mensch-Seins und der individuellen Ausprägungen.

Beim heutigen Weltstimmtag geht es eigentlich um einen anderen Schwerpunkt. Aber beim Thema "Stimme" hab ich direkt einen anderen Gedankengang gehabt und wollte euch an diesem Teil haben lassen. Und euch ein Stück weit in die Welt von UK mitnehmen. Das hier war nur ein kurzer Abriss. Habt ihr Lust auf mehr? Dafür hab ich euch ein paar Links zusammen gesucht:


So, damit verabschiede ich mich von euch! Aber ich bin sehr neugierig auf eure Meinung zum Thema "Stimme"! Welche Erfahrungen habt ihr mit eurer Stimme, mit der Stimme von jemand anderem? Wie wirkt Stimme?

Kommentare:

  1. Aloha,

    wir haben deinen Beitrag auf unserer Facebookseite "blogARTig" verlinkt.
    Solltest du etwas dagegen haben, bitte laut schreien.

    Liebste Grüße
    blogARTig

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Frauke,

    das ist ein interessanter Artikel zu dem Thema.
    Gerade, wenn man ein Leben ohne Stimme führt, hat man ja einen ganz anderen Bezug dazu. Ist ja immer so, dass wir die uns gegebenen Eigenschaften als Selbstverständlich hinnehmen. Wer aber schon einmal eine dicke Kehlkopfentzünfung hatte, der weiß, wie schwierig es ist, mal eine Woche ohne Stimme auszukommen. Ich wäre fast wahnsinnig geworden. Erstaunlich, was die Technik heute schon alles leisten kann mit den ganzen Gerätschaften. Klar, vorher ging es auch irgendwie. Deine Schwester ist aber sicher auch froh, wenn die Kommunikation mit Fremden leichter fällt und sie nicht als geistig beeinträchtigt angesehen wird.


    Das mit dem MDK kenne ich. Mache das gerade mit dem kleinen Mann mit. Solange man nix von den Krankenkassen will, ist alles ok. Mit dem Besuch des Gutachters wurde erst einmal meine Erziehungskompetenz infrage gestellt. Anschießend musste ich natürlich in seiner Gegenwart alle seine negativen Seiten richtig schön hervorheben :-/ Fand ich für ihn ganz schön erniedrigend. Mit ihm wurde sich nur nebensächlich beschäftigt. Ich bin mal gespannt, was der Gutachter in einigen Wochen sagen wird.

    Liebe Grüße

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich wünsche dir viel Kraft für deine weitere Zukunft! Kraft für dich und deine Kinder!
      Liebe Grüße, Frauke

      Löschen
  3. Das ist wirklich ein schöner Beitrag liebe Frauke. Weisst Du, man setzt sich im Leben oft immer erst mit Dingen auseinander, wenn man selbst betroffen ist, genau wie Du oder Deine Familie. Ihr habt damit lernen müssen zu leben und habt Euch ja zwangsläufig damit auseinander gesetzt.Ich hab mir da, da bin ich ganz ehrlich, noch nie Gedanken drum gemacht vorher. Vor 2 Jahren ging es mir auch sehr schlecht und erst dann habe ich angefangen über viele Dinge, die für gesunde Menschen selbstverständlich sind, auseinandergesetzt.Es ist so, viel zu viel ist selbstverständlich im Leben.Aber was nutzt es auch vorher darüber sich den Kopf zu zermartern gell?

    Also das mit den KK oder MDK finde ich hier echt zum kotzen. Man darf hier nur eins nicht werden-KRANK!

    Alles Liebe und einen fleissigen Osterhasen, Nina

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Nina! Da hast du recht. Wenn man krank hat, geht es einem mit KK und MDK gleich noch mal schlechter... Ich wünsch dir frohe Ostern! Liebe Grüße, Frauke

      Löschen
  4. Hallo Frauke!
    Ich staune, dass du wieder einen Jahrestag entdeckt hast, wo andere sich schon schwer tun sich an Geburtstage zu erinnern. Vielen Dank für deinen Text und dier vielen Erläuterungen. Gerne möchte ich etwas zu deinem Geschriebenen beitragen.

    Auch ich bin mit einem nicht sprechenden, aber teils stimmgewaltigen Menschen aufgewachsenen. Mein Bruder hat sehr ähnlich oder auch gleiche Hilfsmittel benutzt und tut dies weiterhin, um sich auszudrücken. Es ist erstaunlich, wie sehr Menschen auf eine Sprache fixiert sind und wie schwer es denen fällt, erwachsene Menschen ohne Sprache als Erwachsene wahrzunehmen. Wenn diese Menschen nicht als "dumm" abgestempelt werden, dass aber direkt als Kleinkinder. Da langt auch schnell mal eine Hand ins Gesicht zum streicheln.

    Du hast das Thema Stimme ja schon in die Richtung "Kommunikation" gelenkt, weshalb ich dort auch bleiben will. Es erstaunt mich, wie synchrone Kommunikation und Stimme zusammenhängen und welche Erwartungen Menschen dabei haben. Bei asynchroner Kommunikation per Stimme, wie Lieder singen und hören, Gedichte vortragen und zuhören, ist es der Zuhörende gewohnt zuzuhören. Es hört auch gerne zu. Er lässt es auch gerne noch nachwirken, in dem vielleicht nach dem Verhallen der Stimme, die Pause noch etwas genossen wird.

    Ganz anders erlebe ich es, wenn mein Bruder mit Menschen per Sprachcomputer kommuniziert und diese überhaupt nicht die Ruhe haben, dem Gesagten zuzuhören. In dieser synchronen Kommunikation empfinden manche Menschen diese Pausen schnell als Störung. Deshalb haben es auch schon viele unterstützt Kommunizierende erlebt, dass der Gesprächspartner schon wieder weg war, ehe das Gespräch richtig begann. Doof, wenn der Kellner geht, bevor er die Bestellung hat, das Telefongegenüber auflegt, bevor die Begrüßung gesagt wurde. Für meinen Brider war es daher damals schwierig, als er in einer Wohngemeinschaft mit mehreren geistig Behinderten lebte, die auf Grund ihrer Behinderung nicht in der Lage waren, so lange auf eine Antwort zu warten. Die waren dann auch immer schon wieder weg, ehe er eine Antwort ausgesprochen hatte.

    Die Stimmprozessoren in den heutigen Sprachcomputern basieren auf einer gleichartigen Technologie und klingen sehr ähnlich. So ist auch die Stimme meines Bruders nicht einmalig, sondern begegnet mir recht häufig im Leben. Ist schon erstaunlich, was heute alles sprechen kann. Dazu mag ich diesen UK Sketch "Voice by Choice comedy sketch by Lee Ridley" sehr gerne. https://www.youtube.com/watch?v=CMm_XL3Ipbo

    Grüße
    Sascha

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Du hast recht. Sehr schnell kommt eine Hand von irgendwoher und streichelt über die Haare, das Gesicht oder die Hände... Und sehr schnell verlieren die Gegenüber die Geduld, weil "da passiert ja nix" und gehen einfach weiter. Oder fragen mich,. "was der da denn jetzt will" (meine Schwester wird wegen der Haare häufig als kleiner Junge (noch nicht mal als erwachsener Mann) angesehen). Den Sketch kenne ich noch gar nicht, werd ihn mir gleich aber mal ansehen :-)
      Ich wünsche dir und deiner Familie frohe Ostern!
      Liebe Grüße,
      Frauke

      Löschen

Ich freu mich über jedes liebe Wort von euch :-)