Mittwoch, 8. Oktober 2014

"Was heißt Depression für mich" - Teil 2 -


Nachdem es im ersten Teil um die körperlichen Symptome einer Depression und die damit zusammenhängenden Abläufe im Gehirn ging (klick), komme ich heute zur zweiten Frage. Im Grunde sind es zwei Fragen, die ich aber zusammen beantworte. 


Was heißt Depression für mich

Vergesst beim Lesen bitte nicht, dass ich hier mein eigenes Erleben und meine eigenen Erfahrungen wiedergebe! Jeder Depressive erlebt die Krankheit auf seine eigene Art und Weise. Die Symptome können sehr verschieden sein. Alles, was ich zu diesem Thema schreibe, schreibe ich als "Betroffene". Ich habe keinen medizinischen oder sonstigen fachlichen Hintergrund, sondern berichte von mir und meinen Erfahrungen mit der Krankheit. Die grundlegenden Dinge, die hinter einer Depression stecken, habe ich mir in verschiedenen Fachbüchern und im Internet angelesen.


Hängt deine Therapie direkt mit deiner Depressionen zusammen? Warum wird deine Depression durch "alten Kram" verstärkt?  


Ja, meine Therapie steht im direkten Zusammenhang mit meiner Depression. 

Die psychologischen Erklärungsansätze für eine Depression zielen in die Richtung, dass die depressiven Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen eine tiefergehende Ursache haben. Alles, was wir in unserem bisherigen Leben erlebt haben, hinterlässt Spuren in unserer Psyche. Egal, ob positives oder negatives. Diese Prägungen bestimmen unser Bild von uns selbst, unserem Handeln und auch, wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen. Somit bestimmt unsere Vergangenheit auch immer einen Teil unserer Gegenwart. 

Selten führen allein aktuelle Belastungen zu einem Ausbruch einer Depression. Vielmehr ist es so, dass längst vergangene und zum Teil vergessene Ängste, Belastungen und Gefühle in uns "weiterkochen". Das heißt, dass wir die aktuellen Situationen mit den dazugehörigen Gefühlen/Ängsten/Handlungen als eine Wiederholung von früheren Erfahrungen wahrnehmen bzw. dementsprechend handeln. Häufig geschieht dies natürlich unbewusst, ohne dass wir aktiv auf die früheren Erlebnisse Bezug nehmen (können). Die zurückliegenden Ereignisse sind vielleicht sehr lange Zeit erfolgreich aus unserem Bewusstsein verbannt worden und hinter Schloss-und-Riegel-gesperrt. Aktuelle Verlusterfahrungen oder Stresssituationen drängen uns in unserem Erleben aber wieder zurück in die damaligen Situationen mit den damals empfundenen Gefühlen. Diese "alten" Gefühle werden dann in der Gegenwart neu durchlebt. Weil sie aber nicht in unser jetziges (Erwachsenen-)Alter passen und in dieser Intensität auch nicht zu der gegenwärtigen Situation, werden sie als bedrohlich empfunden.

Ich habe 2 Jahre eine tiefenpsychologische Psychotherapie gemacht, die genau hier ansetzen soll. Tiefenpsychologen sehen eine Depression als die Folge einer früheren negativen Erfahrung, die unsere Gefühls- und Gedankenwelt geprägt hat. Eine aktuelle Situation (eine Krise, ein Verlust, eine Kränkung oder vielleicht auch nur die Angst vor einem Ereignis dieser Art) passt in diese vor langer Zeit entstandene Prägung und kann deshalb eine Depression auslösen.

Die Depression dient häufig als eine Art "Notbremse", eine Art "Schutzmechanismus". In der Gegenwart empfindet man eine Situation als gefährlich. Durch die Depression kann man sich dann aus der aktuellen "Gefahr" herausziehen


Außerdem kann die Depression dazu dienen, das bisherige Handeln zu hinterfragen und sich selbst mit seinen Gefühlen, seinen Handlungen etc. bewusst auseinander zu setzen. Somit kann die Depression als eine Art Neuorientierung dienen, weil man während der Therapie sehr viel hinterfragt, beleuchtet und sein Handeln zum Teil in zum gewissen Bereichen in großem Maße ändert. Weg von dem Vermeidenden, Verdrängenden, Ausweichenden. Hin zu einer offeneren, gesünderen Handlungsweise. Gesünder sowohl für die Psyche, als auch für den Körper. 


Seit einiger Zeit bin ich nun bei einer Verhaltenstherapeutin. Hier ist der Ansatz der, dass eine Depression ein Ausdruck eines "fehlerhaften" Lernprozesses sein kann. Dadurch wird man verletzlich und eben auch anfälliger für eine Depression. Lernen geschieht vordergründig über "Verstärkungen". Jeder verhält sich so, dass sein Verhalten für ihn positiv verläuft und deshalb ein Anreiz entsteht Verhaltensmuster zu wiederholen, wenn diese eine positive Verstärkung erfahren. Doch bei einer Depression wird man unfähig sein Verhalten so zu steuern, dass es zu positiven Verstärkern kommt. Bisher erfolgreiche Verhaltensmuster erhalten keine "Verstärker". Dieses Fehlen von positiven Verstärkern kann weiter depressiv machen, denn die nun unweigerlich negativen Erfahrungen nehmen immer mehr zu, während die positiven Verstärker immer weiter abnehmen. 


Negatives Denken bestimmt dadurch immer mehr das Handeln, das zwangsläufig auch negativ werden wird. Zum Beispiel wenn ich denke: "ich schaffe das nicht", dann werde ich die vor mir liegende Arbeit auch nicht schaffen. Einfach weil diese Einstellung bereits im Gehirn verankert ist und sich auf mein Handeln überträgt. Dieses Versagen verstärkt nun die negative Erfahrung und führt zu einer "negativen Verstärkung". Über kurz oder lang wird dieses Verhaltensmuster zu einem Teufelskreis. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, muss ich mein Handeln, mein Denken und mein Fühlen hinterfragen und neu ausrichten. Das ist sehr anstrengend und gerade am Anfang gibt es immer wieder Rückschläge. Vieles fühlt sich falsch an, weil es ungewohnt ist und anfangs die positiven Verstärker noch fehlen. Altbekannte Muster sind bequemer und halt eben auch bekannt. Der Mensch ist sehr gern ein Gewohnheitstier...


Doch genau hier heißt es für mich: am Ball bleiben! Es ist nicht immer einfach und vieles kostet mich sehr viel Kraft. Kraft, die mir an anderer Stelle in meinem Alltag momentan fehlt. Deshalb bin ich zur Zeit in anderen Bereichen meines Lebens eingeschränkter, einfach weil meine Energie durch das permanente Hinterfragen/Ändern/etc. sehr stark abgebaut wird. Alles in allem hoffe und glaube ich aber, dass sich das irgendwann wieder dreht. Wenn die neuen Verhaltensmuster bei mir in Fleisch und Blut übergegangen sind, werde ich für sie nicht mehr so viel Energie benötigen. Und dann werde ich auch wieder an anderer Stelle mehr Kraft zur Verfügung haben. 





Hier kommen die vorigen Fragen und die Klicks zu den Antworten:
  • Teil 1: Depressionen bezeichnet man doch als Krankheit im Kopf? Was passiert da genau? KLICK
  • Teil 3: Wie fühlt sich ein Tief an? Was passiert, wenn du weinen musst? Hast du Angst? Wodurch wird dieses Bedürnis ausgelöst? Hast du dabei auch Kopf- oder andere körperliche Schmerzen?  KLICK 
  • Teil 4: Wie ist dein Alltag mit deiner Depression, wenn du kein Tief hast? Merkst du die Krankheit dann auch?   KLICK 
  • Teil 5: Was erwarte ich von meinen Freunden?    KLICK
  • Teil 6: Warum machst du während eines Tiefs so viele Ausflüge?   KLICK  
  • Teil 7: Wie sieht die Welt aus deinen Augen in Tiefphasen aus?   KLICK 


Wenn ihr zu der Frage noch Folgefragen oder auch völlig neue Fragen habt, dann schreibt sie einfach unten in einen Kommentar rein! Ich werde versuchen, jede Frage zu beantworten, soweit sie nicht zu tief in einen persönlichen Bereich von mir fällt. 

Kommentare:

  1. Liebe Frauke,

    auch dieser zweite Teil Deiner Reihe ist wieder sensibel und informativ geschrieben. Ich bewundere Dich dafür, dass Du diese Mischung so gut hinbekommst.

    Und es ist wirklich interessant mal eine andere Perspektive zu bekommen. Danke dafür!

    Liebe Grüße
    Nicole

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    1. Danke schön, liebe Nicole! Es freut mich sehr, eine so positive Rückmeldung zu bekommen :-)
      Liebe Grüße,
      Frauke

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    2. Und sie kommt von Herzen!

      Liebe Grüße
      Nicole

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  2. es ist aber wirklich so. denkt man " das klappt nicht " oder "ich kanns nicht" oder oder oder....passiert komischerweise genau DAS! Ich hab neulich ein interessantes buch über das unterbewusstsein gelesen und die gedanken spielen so eine grosse rolle, man glaubt es kaum. ist halt nur nicht so einfach mal eben den schalter umzulegen gell? sei ganz lieb gegrüsst frauke, nina

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    1. Oh ja, wenn der Schalter nur so einfach umzulegen wäre... Da tut sich, glaub ich, jeder echt schwer mit, oder?! So liebe, alte Gewohnheiten und Gedanken abzulegen, das ist nicht leicht...
      Liebe Grüße,
      Frauke

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Ich freu mich über jedes liebe Wort von euch :-)