Samstag, 18. Oktober 2014

"Was heißt Depression für mich" - Teil 3 -

Heute komme ich zu der Frage, wie sich ein depressives Tief für mich anfühlt und was das Weinen bzw. die Krankheit in diesen Momenten mit mir macht.

Was heißt Depression für mich

Vergesst beim Lesen bitte nicht, dass ich hier mein eigenes Erleben und meine eigenen Erfahrungen wiedergebe! Jeder Depressive erlebt die Krankheit auf seine eigene Art und Weise. Die Symptome können sehr verschieden sein. Alles, was ich zu diesem Thema schreibe, schreibe ich als "Betroffene". Ich habe keinen medizinischen oder sonstigen fachlichen Hintergrund, sondern berichte von mir und meinen Erfahrungen mit der Krankheit. Die grundlegenden Dinge, die hinter einer Depression stecken, habe ich mir in verschiedenen Fachbüchern und im Internet angelesen.
 

Wie fühlt sich ein Tief an? 


Wenn ich in einem richtigen Tief drin bin, dann ist alles um mich herum schwarz. Ich sehe keinen Grund zur Freude oder zum Lachen. Es gibts nichts lebenswertes mehr um mich herum. Meine Emotionen sind zu Stein geworden. Ich heule und das ist eines der wenigen Dinge, die ich noch spüre. 

Es kommen immer wieder sehr negative Gedanken hoch, die in verschiedene, aber doch immer sehr schlimme Richtungen gehen:
  • "Jetzt stell dich nicht so an. Dir geht es doch eigentlich gut."
  • "Du bist nichts wert."
  • "Niemand mag dich. Erst recht nicht, wenn du wie ein Versager die ganze Zeit nur heulst."
  • "Was hast du schon erreicht?"
  • "Du bist zu nichts nutze."
  • "Du machst alles falsch und versagst bei allem."
  • "Was hat das hier eigentlich alles für einen Sinn?"
  • "Das wird immer schlimmer mit dir. Wo soll das nur mal enden?"

Das sind ganz typische Sätze, die die Depression bei vielen Menschen hervorbringt. (Aber auch wenn man mit der Einnahme von Anti-Depressiva beginnt, können diese Gedanken kommen oder sogar noch sehr verstärkt werden. Deswegen wird auch in den Anfangstagen der Einnahme schon in der Packungsbeilage geraten, bei den ersten Anzeichen eines Selbstmordgedanken in eine Klinik zu gehen. Klingt eigentlich ganz schön verrückt. Die Medikamente, die solche Dinge verhindern sollen, können sie noch verstärken.) Die Depressionsstimme bringt immer wieder sehr negative Gedanken in meinen Kopf rein und wiederholt sie ohne Ende und ohne Unterlass. In einem Tief ist es sehr schwer für mich, diese Stimme zu ignorieren oder zu überhören. Sie ist überlaut und schreit mich schon fast an.

In einem solchen Tief verliere ich den Boden unter den Füßen. Ich sehe kein Ende des Tiefs und alles um mich herum belastet mich. Ich ertrage dann keine Menschen, keine äußeren Reize. Selbst die Hunderunden mit Mina fallen mir sehr schwer, weil ich mich überfordert fühle und mir die Reize außerhalb meiner Wohnung zu viel sind. Sie überfordern mich. Helligkeit fühlt sich schmerzhaft an. Es ist fast, als wenn ich zu einem tagesscheuen Vampir geworden wäre.
 

Einfachste Alltagshandlungen fallen mir zur Last. Es kann vorkommen, dass ich tage-/wochenlang nicht putze oder spüle. (Für mich ist das sehr untypisch, weil mir eine saubere Wohnung eigentlich sehr wichtig ist. Aber ich fühle mich beim Anblick des dreckigen Geschirrs von der Aufgabe des "Spülens" so erschlagen, dass ich es nicht schaffe, mit dem Spülen anzufangen.)
Eine riesige Antriebslosigkeit erfasst mich und ich bin selbst von den kleinsten Anforderungen überfordert. 


Alles kostet sehr viel Kraft und alles ist sinnlos. Ich bin nutzlos, wozu sollte ich nun also diese riesige Kraft aufbringen, aufzustehen? Wem nützt das? 


Natürlich ziehe ich mich dann auch von meinen Freunden und meiner Familie zurück. Zum einen kann ich mir nicht vorstellen, was sie mit mir in der Verfassung anfangen sollen. Meine Depressions-Stimme im Kopf flüstert mir dann Dinge ins Ohr, wie zum Beipiel, dass ich ihnen zur Last fallen würde, wenn ich so ein heulendes Häufchen Elend bin. Ich bin in einem solchen Tief mit einfachen sozialen Handlungen überfordert. Das sind dann für mich neue äußere Reize, die mich überfordern könnten und es teils auch wirklich tun. Wie soll ich nach außen hin eine normale soziale Interaktion pflegen, wenn in mir drin so gut wie keine Emotionen mehr spürbar sind?


Ich ziehe mich dann in meine Wohnung zurück. Dort fühle ich mich sicher. Mina ist bei mir und tröstet mich mit ihrem weichen Fell und ihrem lieben Blick. Manchmal schaffe ich es zu lesen oder mich mit Fernsehen zu "unterhalten". Manchmal ist aber selbst das zuviel und ich schlafe sehr viel. Schlaf ist so herrlich reizarm.  



Was passiert, wenn du weinen musst? Hast du Angst? Wodurch wird dieses Bedürnis ausgelöst? Hast du dabei auch Kopf- oder andere körperliche Schmerzen?

 
Nein, Angst habe ich nicht. Viel eher ist es das letzte Warnsignal meines Körpers, auf das ich höre und mir dann wirklich eingestehe, dass grad nix mehr geht. Einfach weil mir gerade alles zu viel ist. Weil ich mich selbst überfordert habe, indem ich mir zu viel zugemutet habe. 

Weinen ist für mich etwas sehr schlimmes. Ich fühle mich schutzlos und ausgeliefert. Ich stelle mich bloß. Weinen ist eine Schwäche. So fühlt es sich zumindest für mich an. Aber umso mehr ich versuche, diese Schwäche zu unterdrücken bzw. zu verheimlichen, umso stärker wird das Heulen. Je mehr ich mich weigere zu heulen, umso stärker und intensiver wird es. 


Doch bevor es so weit ist, gibt mein Körper mir (eigentlich genügend) andere Warnsignale. Es fällt mir nur schwer, diese zu beachten. Weil ich lieber denke, ich hätte alles im Griff und eigentlich gehts mir doch gut. Nun bin ich gerade dabei, diese Warnsignale zu bemerken, zu beachten und auf sie zu
reagieren. Das ist übrigens auch ein Teil, den wir in der Verhaltenstherapie erarbeitet haben. Vorher war mir dieser Ablauf gar nicht bewusst. Und schon gar nicht war mir bewusst, was mein Körper eigentlich alles an Anstrengungen unternimmt um mir mitzuteilen: "Ey, hallo! Das ist dir hier grad alles zu viel. Schalt mal einen Gang zurück!"

Die Vorstufen zum Heulen sehen bei mir so aus, dass ich innerlich unruhig werde. Mein Körper spannt sich an und verkrampft sich. Besonders deutlich merke ich das im Schulter- und Rückenbereich. Ich bekomme Herzrasen und meine Gedanken rasen hin und her. Das sind alles ganz typische Warnsignale auf Stress, so wie jeder sie kennt. Aber kaum jemand beachtet sie. Im Normalfall klingen sie auch nach einer stressigen Situation recht schnell ab. Aber bei mir kommen sie, um mir zu zeigen, dass ich gerade nicht mehr kann. Dass ich eine Pause einlegen muss. Die Symptome kenne ich schon lange. Doch habe ich sie nie beachtet. Irgendwann sind sie ja immer wieder veschwunden. Doch seit ich die Depression habe, werden sie stärker und treten früher auf. 


Das liegt daran, dass ich seit der Krankheit nicht mehr so belastbar bin. Früher habe ich mir zu viel abverlangt und meine Kraftreserven sind so gut wie leer. Dadurch komme ich viel schneller an meine Grenzen, als ich es von früher gewohnt bin. Außerdem sind verminderte Leistungsfähigkeit und Konzentrationsprobleme typische Krankheitssymptome einer Depression. Es verdoppelt sich bei mir also. Die Kraft, die mir eh schon fehlt, weil ich sie früher mit beiden Händen ausgeschöpft habe, wird durch die Depression noch weiter reduziert. 


Sogar beim Autofahren merke ich das. Früher konnte ich locker weite Strecken am Stück fahren. Heute sinkt meine Konzentration schon nach einiger Zeit auf der Autobahn und ich muss häufig Pausen einlegen. 


Nun müsste ich ja nur einfach auf die ersten Warnsignale meines Körpers hören und z. B. beim Einsetzen der inneren Unruhe einen Gang zurückschalten. Wenn das mal so einfach wäre... Das ist ein langer Lernprozess, der beim Erkennen der Signale anfängt. Sobald ich die Signale bemerke, muss ich eine Gegenmaßnahme ergreifen. Dies kann sein, dass ich mir einen Tee koche, dabei tief ein- und ausatme und mich auf das Hier und Jetzt konzentriere. Oder auch, dass ich ein paar Yoga-Übungen mache, um nur bei mir selbst zu sein und die Außenwelt für einen Moment zu vergessen. Zur Sicherheit habe ich die Warnsignale und die möglichen Lösungswege auf einem kleinen Karteikärtchen stehen, das ich mit mir herum trage. 


Doch das alte Verhaltensmuster ist mir so vertraut: einfach weitermachen, wird schon wieder werden. Dass ich mir nun ein alternatives Verhaltensmuster zulege und dieses in meinem Alltag auch situativ angemessen anwende, dass ist schwierig. Alte Pfade sind vertraut. Neue sind ungewohnt und steinig. Es stellt sich nicht direkt ein Belohnungsmoment ein. Immer wieder tappe ich in alte Muster. Es wird noch einige Monate dauern, bis ich mich an neue Verhaltensmuster gewöhnt habe... 



Hier kommen die anderen Fragen und die Klicks zu den Antworten:
  • Teil 1: Depressionen bezeichnet man doch als Krankheit im Kopf? Was passiert da genau? KLICK
  • Teil 2: Hängt deine Therapie direkt mit deiner Depressionen zusammen? Warum wird deine Depression durch "alten Kram" verstärkt?  KLICK
  • Teil 4: Wie ist dein Alltag mit deiner Depression, wenn du kein Tief hast? Merkst du die Krankheit dann auch?   KLICK
  • Teil 5: Was erwarte ich von meinen Freunden?    KLICK
  • Teil 6: Warum machst du während eines Tiefs so viele Ausflüge?   KLICK  
  • Teil 7: Wie sieht die Welt aus deinen Augen in Tiefphasen aus?   KLICK

Kommentare:

  1. Liebe Frauke,
    wieder ein sehr ehrlicher Text. Ich bin mir sicher, dass sich andere Betroffene (zumindest teilweise) darin wieder erkennen und (bei denjenigen, die davon noch nichts gehört haben)sich eventuell über die Möglichkeiten einer Verhaltenstherapie informieren.
    Ich finde mich so sehr in der Problematik der alten Verhaltensmuster wieder... es ist wirklich mühsam, nicht wieder alte Pfade einzuschlagen. Aber wenn die ersten Erfolgserlebnisse da waren, fällt es leichter.
    Ich schicke Dir eine feste Umarmung!
    LG, Sonja

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    1. Liebe Sonja!
      Diese verflixte Verhaltensmuster... Wenn die alten Wege einfacher zu verlassen und neue leichter einzuschlagen wären... Ich drück uns beiden die Daumen, dass wir lernen, dauerhaft die gesünderen Wege beizubehalten!
      Ich wünsch dir einen schönen Sonntag!
      Liebe Grüße,
      Frauke

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  2. Liebe Frauke, vielen Danl für deine ehrlichen Worte! Ich stelle mir dieses Tief sehr anstrengend vor. Aber ich denke mir auch, dass dir gerade Mina in diesen Situationen hilft, dass du auch nicht ganz alleine bist. Ich wünsche dir viel Kraft dabei, dass du die Warnsignale früh genug erkennst und auf deinen Körper und dich hörst. Darf ich dich fragen wie viel Prozent du arbeitest? Und wie ist es,wenn du in so einem Tief bist,wirst du dann krankgeschrieben oder kommt da das alte Verhaltensmuster durch und du sagst dir"Nein das geht schon,stell dich nicht so an"?
    Liebe Grüsse Alizeti

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    1. Liebe Alizeti!
      Diese Tiefs sind wirklich immer sehr anstrengend und Kräfte zehrend. Mina ist mir eine sehr große Stütze und die kleine süße Maus gibt mir sehr viel wieder!
      Ich arbeite 30 Stunden/Woche, statt die bei uns sonst üblichen 38 Stunden/Woche Vollzeit. Mehr würde ich gerade auch nicht dauerhaft schaffen.
      Wenn ein Tief anfängt, dann bin ich immer noch so, dass ich versuche durchzuhalten und es irgendwie zu überspielen. Was mir (mit klarem Kopf) völlig utopisch erscheint. Ein Tief ist da und es ist da und es möchte beachtet werden. Wenn dann nix mehr geht, dann lasse ich mich krank schreiben. Das war seit meiner Reha Anfang des Jahres aber erst vor kurzem einmal für zwei Wochen nötig. Die übrige Zeit dazwischen war ich echt recht stabil. Ich hoffe, die kommende Zeit stabilisiert sich meine Depression weiter. Gerade fühlt es sich so an!
      Ich wünsch dir ein schönes Wochenende!
      Liebe Grüße,
      Frauke

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    2. Liebe Frauke,vielen Dank für deine Antwort. Schön, dass dir die Mina sehr viel geben kann!! Das ist einfach Gld wert. Ich drück dir ganz fest die Daumen, dass sich deine Depression stabilisiert!! Ich würde es dir so sehr wünschen <3
      Fühl dich ganz lieb gedrückt!
      Liebe Grüsse Alizeti

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  3. Liebe Frauke, ich kann nur immer wieder sagen, dass Du auf einem sehr sehr guten Weg bist.Ich denke, auch dass Du darüber hier so ehrlich und öffentlich schreibst hilft Dir ungemein, daher drücke ich Dich jetzt mal ganz feste! Liebe Grüße,Nina

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    1. Liebe Nina!
      Das Bloggen im Allgemeinen und das Schreiben über meine Depression im Speziellen helfen mir sehr. Beim Schreiben dieser Themen-Reihe setze ich mich nochmal ganz anders mit meiner Krankheit auseinander und das hilft mir gerade sehr, mich bzw. diese Krankheit weiter zu verstehen und zu akzeptieren.
      Ich wünsch dir einen schönen Sonntag!
      Liebe Grüße,
      Frauke

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  4. WOW... was für ein ehrlicher, offener Beitrag... und du beschreibst sehr gut, was "in einem" vorgeht... ich kenne das... klammere das auf meinem Blog (direkt) aber bewusst aus... aber es gibt Wochen oder gar Monate, wo ich gar nichts geschrieben habe... Rate mal, welche Phasen das waren?? Ich sammle in meinem Blog die schönen Stunden... und gerade gestern habe ich beschlossen, ein "offline Sternstunden-Buch" zu beginnen... das werde ich mir dann hoffentlich bei den ersten Warnzeichen greifen... und dann schwarz oder bunt auf weiß sehen, dass ich nicht nutz- und wertlos und alleine bin... frau greift halt zu jedem Strohhalm... unser Hund und auch die Kinder haben in meinen dunklesten Zeiten viel Kraft gekostet - aber auch geschafft, dass ich mich öfter aufgerafft habe, als ich es eigentlich für möglich gehalten habe... was für eine verteufelte Krankheit - die die wenigsten als "Krankheit" kennen... danke für deine offenen Worte!!

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    1. Ich habe auch lange gebraucht, bis ich über meine Depression so offen schreiben konnte. Aber nun tut es mir sehr gut und ich kann viel für mich reflektieren. Der Austausch mit Menschen, wie dir, tut mir auch sehr gut!
      Es ist erstaunlich, wie viele Menschen im Grunde "betroffen" sind und von wie wenigen man es weiß. Aber ich verstehe sehr gut, dass du es auf deinem Blog bewusst ausklammerst!
      Ich finde es sehr schön, dass dein Hund und deine Kinder dir so viel Kraft geben konnten, wenn es dir mal (wieder) nicht so gut ging!
      Liebe Grüße,
      Frauke

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  5. Vielen lieben Dank für Deine beeindruckenden Worte. Wunderbar geschrieben.

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Ich freu mich über jedes liebe Wort von euch :-)