Freitag, 9. Januar 2015

Mein Plädoyer gegen das Anglotzen...

... wahlweise mit offenem oder geschlossenem Mund.

Ich hab nichts gegen ein neugieriges Anschauen. Oder gegen einen offenen Blick. Alles, was mit einer interessierten Absicht geschieht, zeigt mir Offenheit.

Was ich hier meine ist das Anglotzen. Anstarren. Ohne jegliche Offenheit. Dafür mit einer abschätzigen, bewertenden und vorurteilsbehafteten Intention. Die Mimik ist entweder völlig ausdruckslos vor Fassungslosigkeit oder auch angeekelt bis abgestoßen.

Ich hasse das. Es ist herabwürdigend.

Warum ich ausgerechnet auf dieses Thema zu sprechen komme?

Meine Zwillingsschwester ist seit unserer Geburt schwerstkörperbehindert. Sie sitzt im Rollstuhl und kann durch ihre Tetraspastik ihre Gliedmaßen nur bedingt kontrolliert bewegen. Außerdem ist sie "nicht"sprechend bzw. unterstützt kommunizierend und hat deshalb immer ihren Talker dabei. (Ich hatte hier schon mal darüber geschrieben.) Rein vom äußeren Erscheinungsbild her sieht man also auch als Außenstehender auf den ersten Blick, dass sie eine Behinderung hat.

Und deshalb passiert es immer wieder:

Die Menschen auf der Straße, im Café oder wo auch immer unterbrechen schlagartig ihre gerade durchgeführte Tätigkeit, die geführten Gespräche verstummen und ihre Blicke richten sich auf meine Schwester. Kurz geht ein Schwenk auf unsere jüngere Schwester und mich, um zu sehen, wer noch dabei ist. Dabei rutscht der Ausdruck der Augen kurz ins Mitleid rüber, bevor die Blickrichtung wieder zurück zu meiner Zwillingsschwester wandert.

Klar, es ist nicht immer so auffällig und es gibt auch positive Beispiele, wo meine Schwester einfach wie ein menschliches Wesen, das Emotionen hat und die Welt wahrnimmt, betrachtet wird. Aber leider genauso oft geschieht das Gegenteil.

Erst neulich, als wir von unserem Weihnachtsurlaub bei unserer Familie zurückgefahren sind. Da haben wir auf einem Rasthof Pause gemacht um Mittag zu essen. Kaum saßen wir, merkte ich Blicke auf uns. Als ich mich suchend umschaute, entdeckte ich eine Familie mit zwei Kindern, die ein paar Tische weiter saßen. Alle Köpfe waren in unsere Richtung gedreht. Die Münder standen offen und die starren Augen fielen fast aus dem Kopf. Als meine Schwester dann auch noch anfing zu essen, da ging eine Regung durch die Mimik der Familie, die an Ekel und Abscheu erinnerte. Es dauerte eine Weile, bis die vier ihr Augenmerk wieder auf ihren eigenen Tisch gelenkt hatten und weiter essen konnten

Da fehlt mir das Verständnis. Und nein, ich kann dann auch nicht mehr cool und lässig reagieren oder so tun, als wenn mich das nicht stören würde.

Meine Schwester ist ein Mensch. Sie bekommt durchaus mit, was um sie herum geschieht. Und wer, bitte schön, möchte angeglotzt werden, als wenn er ein Alien mit 5 Armen und lila Hautfarbe wäre? Niemand, denke ich. Es ist herabwürdigend, erniedrigend und grenzüberschreitend.

Ich weiß natürlich, dass es viele Menschen gibt, die so gut wie keine Berührungspunkte mit behinderten Menschen haben. Und dass es von ihrer Seite aus offene Fragen gibt. Es gab schon genügend Situationen, wo wir nette Gespräche mit netten Menschen geführt haben, die auf uns zu kamen. Sie haben uns gefragt, ob sie kurz stören dürften, denn sie hätten die und die Frage. Kein Problem, klar, gerne! Einem offenen und freundlichen Gespräch gehe ich selten aus dem Weg. Meine Schwester kommt genauso gern mit Menschen in Kontakt. Natürlich ist es ihr lieber, wenn Menschen die Fragen an sie stellen und sie die Chance hat, diese zu beantworten. Und natürlich ist es scheiße, wenn man irgendwo ist und die Menschen, statt das Gespräch zu suchen, sie lieber anstarren. Wer wird schon gern begafft, als wenn er ein Autounfall wäre?

Diese Worte brannten mir schon eine Weile auf der Seele. Ich möchte niemanden verurteilen. Es gibt genügend Gründe, das Gespräch nicht zu suchen. Sei es aus falschverstandener Höflichkeit, aus Feigheit oder oder oder. Aber es gibt keine Begründung, die es in meinen Augen rechtfertigt, einen Menschen aus Fleisch und Blut anzuglotzen. Mit oder ohne offenen Mund.

Behinderung behindert Rollstuhl E-Rolli Rhein Sonnenuntergang Schwestern

Kommentare:

  1. Liebe Frauke!
    Wie schade, dass dieser Text notwendig ist. Aber: Kompliment, dass du ihn schreibst!
    Liebe Grüße
    Nele

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    1. Liebe Nele,
      vielen Dank für dein liebes Kompliment :-) Liebe Grüße!
      Frauke

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  2. Ich glaube, niemand kann behaupten, nicht mal kurz zu euch rüberzuschauen. Es ist halt was auffälliges. Aber dieses Anstarren ist furchtbar. Ich schäme mich sofort fremd, wenn ich sowas mitbekomme.

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    1. Klar, wenn man zwanghaft wegschauen wäre, das wäre ja auch Quatsch. Schließlich schaut jeder auf der Straße fast jeden Mal an. Und erst recht, wenn derjenige auf welche Art auch immer aus der Masse heraus sticht.
      Fremdschämen ist ein gutes Stichwort!

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  3. Ich finde es so toll, dass Du es aussprichst Frauke. Ich hab das auch schon oft erlebt. Na klar schaut man hin, man guckt immer hin! Aber dieses Anstarren ist furchtbar und mir geht es da auch wie Gesa. Ich schäme mich echt fremd und wenn ich dann an der Person vorbeigehe die starrt oder gar das Gesicht verzieht kann ich gar nicht anders als ihr einen Spruch zu drücken! Oh da solltest Du mich mal erleben.Da gehe ich förmlich auf, bis der andere sich regelrecht verkrümelt. Liebe Grüße Nina

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    1. Ich kanns mir lebhaft vorstellen, wie du dabei aufgehst ;-)
      Sehr gern hätte ich dich mal in unserer Nähe! Auch wenn ich dann wahrscheinlich laut schallend loslachen müsste!
      Liebe Grüße,
      Frauke

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    2. hehe ja da würdest Du lachen und Dich vermutlich erstmal erschrecken. ABER in solchen Situationen muss man schlichtweg direkt mal sagen was man denkt. Etikette? Da pfeiff ich drauf. Haben die diese denn eingehalten? Nö, also. Frag doch einfach mal beim nächsten Mal ganz freundlich " soll ich Ihnen ein Foto davon machen wie meine Schwester gerade isst? Kein Problem mach ich Ihnen gerne, dann können Sie sich erstmal auf Ihre Dinge konzentrieren und es sich für später aufheben" Sowas in der Art. Einfach mal doof fragen! Oh da geht mir der Kragen auf Frauke, glaub mir!

      Vor einer ganzen Weile, passt jetzt allerdings nicht zum Thema hatte ich eine oberzickige Kassiererin. Die schmiss meine Sachen da vom Band, das habe ich mir eine Weile angesehen, dann hab ich sie angelächelt und sie gefragt " Ihnen macht Ihr Beruf richtig Spaß gell? " Sie "äh öh was wieso?" Na, habe ich gesagt, das merkt man, mit DEM Elan wie sie die Lebensmittel hier wegballern." Zack! Der hat gesessen. Wenn ich jetzt komme lächelt sie und neulich hat sie sogar noch gesagt, "hach sie wissen ja wie das ist". Jaaaa weiß ich und ich erinnere sie immer wieder gerne dran"

      Man muss ja nicht gleich zickig sein, das meine ich! Das führt nur zur Gegenwehr. Aber wenn man es (erstmal wohlgemerkt) freundlich anspricht mit einer kleinen Spitze (im Spitzen verteilen bin ich gut) dann fällt es den Leuten erstmal auf.
      So, ich wäre dann jetzt fertig mit meiner Antwort:0))))))

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    3. Liebe Frauke,
      mir gefallen hier Ninas Anregungen besonders gut - so ein bisserl Frechheit tut manchmal Not. Ich wäre eher der Typ, der mit offenem Mund zurückstarrt, bis es den Leuten peinlich ist. Aber vermutlich wird auf diese Weise niemals ein offener Umgang zwischen Menschen erzeugt, die eindeutig behindert sind (und damit meine ich jetzt nicht deine Schwester, sondern die starrenden Leute) und eben Menschen, die zum Beispiel in einem Rollstuhl sitzen. Übrigens bin ich verblüfft, dass es wirklich noch so viele Starrer gibt, nachdem ein Film wie "Ziemlich beste Freunde" zum Hit wurde. Zur Verteidigung gegen Menschen, die nicht so recht wissen, wie sie mit deiner Schwester umgehen sollen, möchte ich allerdings auch sagen, dass es eben ganz ganz viele gibt, die noch nie persönlich Kontakt zu Menschen mit Rollstuhl und Talker hatten - eine Situation, die sich allein schon durch mehr Integrations-Kindergärten und Schulen verändern / verbessern würde. Wer zum Beispiel schon mal beim Tischtennisspielen mit einem Mädchen, die durch Contergan zwar mit Händen, aber ohne Arme geboren wurde, in Grund und Boden gespielt wurde (wie es mir während meiner Schulzeit passierte), kommt wohl nicht mehr auf die Idee, Menschen mit nicht so "perfekten Körpern" als irgendwie "minderbemittelt" oder anstarrenswert zu betrachten. Aber ich denke, indem du Kontakte herzustellen versuchst zwischen deiner Schwester und anderen Menschen, trägst du schon viel bei zu mehr Verständnis und gegenseitiger Offenheit.
      Herzliche Grüße, Traude

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    4. Hallo Traude!
      Ja, Nina ist da echt gerade heraus :-) Ich würds gern mal live und in echt mitbekommen ;-)
      Genau, durch solche Filme, die ja immer seit einiger Zeit vermehrt in den Kinos laufen, müssten die penetranten Starrer ja eigentlich weniger werden. Aber wahrscheinlich sind das die Leute, die auch alle anderen, die aus der Masse herausstechen, anglotzen... Des Anglotzens willens...
      Vielen Dank für deine offenen Worte!
      Liebe Grüße,
      Frauke

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  4. Klar, gucken würde ich auch. Kurz zu deiner Schwester, wobei mich ganz sicher fragen würde, was sie hat, warum, wie sich das auswirkt, was sie wahrnimmt (sowas weiß man ja nicht und ich finde es völlig normal, sich das zu fragen). Aber, wenn ich mir das Foto so angucke oben, "anstarren" würde ich den Rollstuhl. Einfach aus Faszination, denn das ist schon echt ein gewaltiges und beeindruckendes Gerät.
    Ich finde dieses offene Anstarren, dass dann aus Gründen wie du sie beschreibst, ganz schlimm und verwerflich. Toll, dass du das ansprichst - und schade, dass es noch immer nötig ist.

    Erst letztens ist hier in der Nähe eine ältere Frau gefallen. 2 oder 3 Passanten haben sofort geholfen und einer hatte schon das Handy am Ohr. Also bin ich direkt weiter gegangen. Aber glaub bloß nicht, dass das alle gemacht haben. Da stand allen Ernstes eine Traube von Menschen und ein oder zwei haben Fotos gemacht. Ich bin beim Vorrübergehen fast aus allen Wolken gefallen. Und habe mich geschämt. Was für ein unsensibles Pack - und ich denke Mal, genau so muss man Menschen, die Deine Schwester "so" anstarren auch sehen. Also unsensibles und asoziales Pack. SO!

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    1. Nein, da haben nicht ernsthaft Leute Fotos von gemacht?! Wie krank ist das denn?! Krass!
      Übrigens: wenn ich irgendwo jemanden mit einem E-Rolli sehe, dann schau ich mir auch immer das Ding an. Aus neugierde, was da wohl anderes, mir vielleicht noch unbekanntes dran ist :-)
      Liebe Grüße!
      Frauke

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  5. Ich finde es auch schade,dass es solche Worte in der heutigen Zeit noch braucht und ich mache dir ein grosses Kompliment für deinen Beitrag! Auch ich würde schauen,anber starren-nein starren nicht. Ich würde eher mit einem Lächeln im gesicht zu euch hinschauen und mich freuen,dass ihr alle miteinander unterwegs sein könnt. Es gibt so viel Leute mit einer Behinderung,die einfach in einen Betreuungsort gesteckt werden und dort vor sich hinvegetieren. Ich finde es wunderwundershcön, dass ihr soviel Spass miteinander habt. Jedes Mal wenn du wieder ien Bild von deinen Schwestern zeigst gehr mir das Herz auf,wie herrlich ihr alle drei lacht! (Gerade bei den Weihnachtsselfies habe ich das ganz fest gedacht)
    Leute die einfach nur starren und wenn möglich noch angeekelt den Kopf wegdrehen,denen könnte ich immer mitten eines in das Gesicht hauen. Das geht für mich sowas von absolut überhaupt nicht!!
    Ich wünsche dir ein wunderschönes Wochenende.
    Liebe Grüsse Alizeti

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    1. Sorry für die vielen Fehler.Aber mir meine Gedanken dazu waren schneller als meine Finger ;-)

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    2. Du hast vollkommen recht. Es gibt immer noch sehr viele Menschen, die vor sich hinvegetieren müssen. Das ist echt unmenschlich!
      Es freut mich sehr, dass wir dir ein Lächeln ins Gesicht zaubern können. Nur, weil wir Spaß haben :-)
      Ich wünsch dir ein schönes Wochenende!
      Liebe Grüße,
      Frauke

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  6. Du hast vollkommen recht: Dieses herabwürdigende Starren ist abscheulich.

    Als Kind hatte ich keinerlei Kontakt zu behinderten Menschen, es gab einfach niemanden in meiner direkten Umgebung - und als ich dann das erste Mal einen gesehen habe, habe ich sicherlich auch gestarrt. Aber mein Vater hat mir sofort erklärt, was eine Behinderung ist, was sie für den betroffenen Menschen bedeutet und wie man damit umgehen sollte. Das hat sehr geholfen.

    Vor ein paar Jahren hatte ich für ein Semester eine schwerkörperlich-behinderte Gasthörerin in einem meiner Seminar, die nur über ihre Betreuerin kommunizieren konnte. Am Anfang war das Mädchen sehr schüchtern und unsicher, ob studieren das Richtige für sie ist, eben auch wegen ihrer Behinderung und sie hatte Angst vor den Mitstudenten, eben genau aus dem Grund, den Du hier beschreibst. Ich habe mit ihr dann abgeklärt, dass ich ihre Teilnahme am Seminar in der ersten Sitzung mit allen Studierenden bespreche und sie vorstelle. Das anfängliche Starren der anderen SeminarteilnehmerInnen und die Unsicherheiten auf beiden Seiten wurden dann binnen kurzer Zeit abgelegt und aus der Vorstellung wurde eine wunderbare Diskussion. Sowohl die Studierenden als auch ich haben viel gelernt und auch das Mädchen hat verstanden, dass mögliche Ablehnung oftmals nur Unsicherheit ist.
    Das Semester mit ihr hat viel Spaß gemacht, sie hat Freunde im Seminar gefunden und sich danach tatsächlich für ein Studium eingeschrieben. Das war toll.

    Liebe Grüße
    Nicole

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    1. Oweia, schon wieder so ein langer Kommentar. Sorry!

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    2. Liebe Nicole!
      Da hat dein Vater damals ja super reagiert! Wie schön, dass er dir direkt alles erklärt hat!
      Und wie toll, dass du so offen auf die Gasthörerin zugegangen bist, als du Unsicherheiten auf beiden Seiten bemerktest! Es freut mich immer sehr, dass jemand "trotz" Behinderung anfängt zu studieren!
      UND: du musst dich doch nicht für einen zu langen Kommentar entschuldigen! Ich freu mich über jedes einzelne Wort von dir :-*

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  7. Liebe Frauke,

    da möchte man diesen Menschen doch manchmal das Schlimmste wünschen, oder? Dass Menschen aus Interesse schauen und auch ein wenig neugierig, das ist völlig normal. Aber wenn Menschen starren und angeekelt sind, dann finde ich das verwerflich.
    Meine Eltern haben mir früh beigebracht, dass man nicht anstarren darf und dass diese Menschen schließlich nichts für ihr Anderssein können und das gleiche Recht auf Leben haben, wie ein gesunder Mensch auch. Und auch ein gesunder Mensch kann erkranken und z.B. im Rollstuhl landen.

    Ich bin auch erst in späteren Jahren real mit Menschen mit Handycap zusammen getroffen. Zum einen ist meine Cousine unheilbar erkrankt und Freunde von mir (meine ehemaligen Vermieter) hatten von drei Kindern zwei Behinderte (körperlich und geistig), von denen eines vor ein paar Jahren gestorben ist, der Sohn (erwachsen) benötigt 24-Stunden-Betreuung, und das jede Sekunde.
    Deren Freunde haben auch behinderte Kinder bzw. behinderte Freunde. Der Anblick ist mir nicht mehr fremd und für mich völlig normal. Es sind so liebenswerte Menschen darunter, die mit ihrer Lebensfreude jeden anstecken.

    Meine Freundin hat oft erzählt, wie Menschen reagieren und sie ist sogar von Nachbarn angefeindet worden, die sie von Kind an kennt. Unglaublich.

    Ich fände es gut, wenn junge Menschen, so wie Männer zum Bund gehen, in soziale Einrichtungen gehen und dort arbeiten müssten. Dann würden sie besser verstehen und müssten nicht mehr glotzen.

    Ich wünsche Dir und Deiner Schwester ein dickes Fell gegen die Glotzer. Ändern kann man sie wohl nicht, höchstens mit ihren eigenen Waffen schlagen.

    Liebe Grüße,
    Vera

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    1. Liebe Vera!
      Ja, bei manchen Menschen versteht man einfach nicht, woher diese Ablehnung kommt. Und dann noch von den Nachbarn, die deine Freundin ihr Leben lang kennt. Unglaublich!
      Ich finde es auch sehr schade, dass der Zivildienst abgeschafft wurde. Da kamen immerhin einige junge Männder in Kontakt mit sozialen Einrichtungen. Generell schließe ich mich dir an: es sollte etwas geben, sodass alle jungen Menschen (Männer und Frauen) nach der Schule erstmal etwas soziales oder sonst wie gesellschaftlich verantwortliches machen sollten. Da würde viel mehr Verständnis entstehen, für Dinge, mit denen man sonst evtl. nie in Kontakt gekommen wäre.
      Liebe Grüße,
      Frauke

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  8. Nochmal hier ein Kommentar von mir, liebe Frauke. Gut auf den Punkt gebracht! Mir fällt dazu aber auch noch was ein. Natürlich sieht man einen Rollstuhl oder einen anderen Gang, wenn man unterwegs ist. Aber ich bin nicht der Meinung, dass direktes Hinsehen dann automatisch die Reaktion sein muss. Hier bei mir ist ja das Lebenszentrum um die Ecke, deshalb sind hier viele mehrfach behinderte Menschen mit Rollstuhl unterwegs. Für mich ist das so alltäglich, und ich glaube, dass man sich dieses Hingucken "abgewöhnen" kann oder es einfach so verschwindet, wenn man sich klarmacht, dass Menschen so oder so sind. Und auch, dass Behinderungen normal sind. Und dazu kann man sich noch klarmachen, dass man selbst auch nicht so angestarrt werden möchte. Ich kenne das aus meiner Jugend gut, das ist nicht schön und kann einem das Gefühl geben, ganz anders und ganz und gar nicht normal zu sein, auch wenn das nicht stimmt. Hast du mal in so einer Situation wie da in der Raststätte was gesagt zu solchen Leuten? Ich würde mir das sicher mal nicht verkneifen können.

    Liebe Grüße, Christina

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    1. Liebe Christina!
      Stimmt, du wohnst ja in der Nähe vom Lebenszentrum. Du hast recht, automatisches hinsehen ist völlig normal und dafür habe ich auch total verständnis (geht mir schließlich ähnlich). Solange es nicht in glotzen ausartet, ist alles gut. Es ist schön zu lesen, dass du es dir "abgewöhnt" hast und auch, mit welchen Begründungen!
      In solchen Situationen haben wir seit Kindheitsbeinen an die Leute mehr oder weniger oft direkt angesprochen. Aber das ermüdet und zermürbt. Weil es die Leute sind, die ihre vorgefertigten Meinungen haben und davon auch nicht abweichen wollen. Auch direktes zurückstarren bringt nix. Alles durchprobiert.
      Zum Glück kommen immer wieder Kinofilme mit behinderten Menschen raus, die in meinen Augen mit dazu beitragen, Behinderungen als etwas "normales" anzusehen.
      Liebe Grüße,
      Frauke

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  9. Liebe Frauke,
    ich finde es super und zu gleich sehr traurig, dass du dir hier Luft machen musstest.
    Anglotzen ist das schlimmste und unnötig zu gleich.

    Als ich diesen Post gelesen habe viel mir direkt meine Kindergartenzeit ein.
    In meinem Kindergarten gab es ein Mädchen, dass während der Geburt ihren halben rechten Arm verloren hatte. Sie wurde aber von den Erziehern immer bestärkt auch mal keine Prothese zu tragen, da es einfach nicht schlimm ist.
    Ich hatte nie mit ihr Probleme und auch keine auch Angst mal im Spiel ihren Armstumpf anzufassen. Leider musste ich miterleben, wie grausam Kinder und vor allem Eltern sein konnten. Viele Kinder durften sie nicht anfassen, starrten und oder riefen: iiiiihhhh. Sie spielten auch nicht mit ihr, weil die Eltern meinten, es wäre nicht gut.
    Heuzutage würde ich ausrasten und fragen, ob noch alles mit denen stimmt. Aber ich bin gerade selbst so erstaunt, wie ich mit 5 Jahren schon alles reflektieren konnte. Man, man,man. Jedoch glaub ich, es liegt auch ein stückweit daran, dass meine Eltern mich nie vor Krankheit, Behinderungen oder sonst was fern gehalten haben. Sie haben mir immer gesagt: Kathi, sei offen zu jeden. Wir sind alle gleich auch wenn es äußerlich nicht immer scheint!
    Und so sollte es auch sein.

    Fühl dich gedrückt.
    Katti

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    1. Liebe Katti!
      Krass, dass du das als Kind schon so wahrgenommen hast! Und super, dass deine Eltern so offen mit dir das Thema angegeangen sind. Für die damalige Zeit leider keine Selbstverständlichkeit. Da war das ja noch viel mehr ein Tabuthema als heutzutage. Wir waren in einem der wenigen integrativen Kindergärten in der Nachbarstadt, weil ein "normaler" Kindergarten uns nicht nehmen wollte. Das sagt auch schon viel aus, oder?!
      Ich finds super, dass du seit Kindheitsbeinen an so offen gelernt hast, mit "Anderssein" umzugehen!
      Liebste Grüße!
      Frauke

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  10. Ingrid, die Bastelmaus11. Januar 2015 um 09:54

    Ja, so etwas kommt leider immer wieder vor, was mich aber wundert, warum auch die Kinder dieses Ehepaares sich so verhielten. Von Kindern weiss man im allgemeinen doch, dass sie sehr viel offener und unbekümmerter sind und in ihrer kindlichen Art einfach nur fragen.
    LG Ingrid

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    1. Ach, Kinder lernen ja direkt von ihren Eltern. Es wird nicht die erste Situationen dieser Art gewesen sein, sonst hätten die Kinder nicht so 1-zu-1-wie-die-Eltern reagiert... Wahrscheinlich werden sie beim ersten Mal noch offen und unbekümmert gefragt haben und dann von ihren Eltern ordentlich abgekanzelt worden sein. Wer weiß...
      Liebe Grüße!
      Frauke

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  11. Liebe Frauke,
    Ich finde es richtig, dass du das ansprichst. Mir ist es auch schon oft aufgefallen, dass viele Menschen Behinderte unangemessen anschauen. Ich selbst hatte noch nie Berührung mit Behinderten, deshalb bin ich auch oft sehr verunsichert, wie ich reagieren soll. Meistens versuche ich nicht hinzuschauen, weil ich meinem Blick einfach nicht traue und Angst habe, dass ich Mitleid oder so ausstrahlen. Und das ist das letzte, das ich will, denn ich selbst hasse Mitleid! Das NICHTHINSCHAUEN ist wahrscheinlich auch doof und du denkst jetzt: Ist die blöd! Aber es ist einfach die Angst falsch zu reagieren. Und glaub mir, diese Glotzer machen mich auch mehr als wütend.
    Ich wünsche deiner Schwester und dir ein schönes neues Jahr <3 <3

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    1. Liebe Monika!
      Ich finde immer, man sollte sich so verhalten wie sonst auch. Bewusstes Nichthinschauen fällt genauso auf (wirkt dann schnell wie "Ausblenden", "Ignorieren").
      Klar, wenn du noch nicht Berührungspunkte hattest, ist es für dich schwierig. Aber glaub mir, ein offener, interessierter Blick mit einem Lächeln auf den Lippen, das stört nun wirklich fast keinen! Und wenn es sich ergibt, kommst du ja vielleicht irgendwann irgendwo warum auch immer mit einem behinderten Menschen ins Gespräch. Dann wird sich deine Angst bestimmt ganz schnell verflüchtigen. Schließlich sind wir alles Menschen, mit Ecken und Kanten und Macken und es gibt böse und gute Menschen!
      Liebste Grüße!
      Frauke

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  12. Ihr lieben Alle,
    ich lese gerade erst diese vielen Beiträge und finde sehr viel wieder, was ich auch denke und erlebt habe.
    Meine Tochter ist inzwischen 21 Jahre alt. Sitzt im Rollstuhl, Tetraspastik, genetischer Fehler, kann sich artikulieren, aber nicht sprechen, verliert Speichel... Aber sie versteht alles, was man sagt!
    Klar, dass wir auffallen, sie ist auch laut.
    Ich konnte die Gaffer immer gut verstehen. Ich weiß aber, dass UNSER Beispiel die Gaffer lehrt, wie sie mit diesen besonderen Menschen umzugehen haben. Deshalb spreche ich mit meiner Tochter völlig normal, lache mit ihr(und das tut sie ausgiebig), schimpfe sie, helfe ihr, lasse mir helfen, streichle sie und zeige allen, dass sie mir wichtig ist - und ich bekam in meinem Leben sehr viele gute Reaktionen. Nur durch unser Verhalten können wir für Aufklärung sorgen. Die wenigen wirklich negativen Erlebnisse zeigen einem, auf wen man locker verzichten kann.
    Da ich sie inzwischen nicht mehr heben kann, bin ich froh und dankbar, dass es in Deutschland Heime gibt und Pflegepersonal, die sich mit unseren Behinderten freundlich befassen. Ihnen gehört meine Sorge. Denn leider ist es nicht richtig, was in den (wirklich liebenswerten) Filmen propagiert wird: die meisten Behinderten sind nicht reich und auf massive körperliche und finanzielle Hilfe angewiesen!
    Im Zeitalter der Sorge für Flüchtlinge ist hoffen, diese unsere hilfsbedürftigen Verwandten nicht vergessen werden. Dazu gehört unser Steuersystem und, was viele unterschätzen: die Kirche (Diakonie, Caritas, Trägerschaften, ...)
    Ich wünsche euch allen ein frohes neues Jahr 2016
    Christiane Iwainski

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    1. Liebe Christiane!
      Es freut mich immer, wenn ich Menschen treffe, die ähnliche oder gleiche Erfahrungen wie ich gemacht haben. Du hast recht: wir können anderen Menschen zeigen, wie man mit behinderten Menschen umgeht. Einige Menschen werden sich das als Vorbild abschauen, andere werden unbelehrbar und vorurteilsbehaftet bleiben. Das kann jeder halten wie er möchte, solange er mich bzw. meine Schwester und andere behinderte Menschen mit seinem Verhalten nicht verletzt. Und gerade dieses massive und angeekelte Anglotzen übertritt in meinen Augen eine Persönlichkeitsgrenze.
      Ich wünsche dir und deiner Tochter alles Gute und ein schönes neues Jahr 2016!
      Liebe Grüße,
      Frauke

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  13. Ach ja, ich wollte nicht anonym anworten, bin in Google aber nicht so geübt = auch behindert ;-)

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Ich freu mich über jedes liebe Wort von euch :-)