Samstag, 5. September 2015

3 Monate ohne Antidepressivum - ein Rückblick

Heute vor drei Monaten habe ich das erste Mal nach zwei Jahren keine kleine Tablette am Morgen geschluckt. Den Entschluss, das Antidepressivum schleichend abzusetzen, hatte ich bereits im Frühling gefasst. Damit mein Körper bzw. mein Stoffwechsel sich langsam an eine Zeit ohne Medikament einstellen konnte, habe ich ich Dosis alle paar Wochen um 1/4 Tablette reduziert. Und so dauerte der ganze Prozess des Absetzens natürlich mehrere Monate. Doch wann genau trau ich mich, wirklich gar keine Tablette mehr zu nehmen? Das habe ich mir lange überlegt und für mich den Entschluss gefasst, dass ich ohne Medikamente in Urlaub fahren wollte.

Damals erschien mir das sinnvoll und richtig. Rückblickend könnte ich mich kurz an den Armen packen und einmal kräftig schütteln. Es gibt durchaus schlauere Entschlüsse, als diesen Schritt zu gehen, wenn man gerade in einen 4-wöchigen Urlaub startet und als Begleitung "nur" seinen Hund dabei hat. Klar, es ist alles gut gegangen. Aber mal ehrlich: würde mir das jemand so erzählen, würde ich denjenigen für bescheuert erklären und auch für sehr leichtsinnig. Warum? Ich habe bei der Reduktion um jeweils 1/4 Tablette die ersten paar Tage Nebenwirkungen gespürt. Die äußerten sich in innerer Unruhe, Herzrasen und Unzufriedenheit. Das hat zwar immer nach ein paar Tagen nachgelassen, aber die Auswirkungen habe ich deutlich gespürt. Klar, wenn die Symptome erst einmal weg waren, ging es mir echt gut und jedes Mal spürte ich die Welt ein bißchen klarer und intensiver, als noch vor der Reduktion.

Aber das komplette Absetzen eines doch recht stark auf den Stoffwechsel wirkenden Medikamentes ist halt doch nochmal eine andere Nummer. Besonders, wenn man alleine im Urlaub ist und keine vertraute Person in der Nähe hat, die evtl. ein Auge auf einen hat. Doch hinterher ist man ja bekanntlich immer schlauer.

Loreley Rhein Urlaub Sommer Depression Nachdenkliches Antidepressiva Lomografie Fisheye
Die Fotos habe ich übrigens mit meiner Fisheye an der Loreley gemacht. Der letzten Station meines Urlaubs.

Loreley Rhein Urlaub Sommer Depression Nachdenkliches Antidepressiva Lomografie Fisheye

Vor drei Monaten war ich noch nicht so schlau und hielt es für passend, die übrig gebliebene 1/4 Tablette nun abzusetzen. Die mir bereits bekannten Nebenwirkungen traten in den ersten Urlaubstagen natürlich auf. Damit hatte ich gerechnet und ich habe sie sehr bewusst wahrgenommen. Wenn man schon allein in Urlaub fährt, hat man schließlich auch Zeit, sich selbst viel besser zu spüren und Gefühle intensiver und bewusster zu zu lassen.

Als die Symptome dann nach ein paar Tagen nachließen, fühlte ich mich echt gut. Ich war im Urlaub, habe tolle Sachen erlebt und viele Orte gesehen. Doch was ich in meinen Urlaubsrückblicken bisher nicht erwähnt hatte, waren zwei Tage.

Erinnert ihr euch an die Schlechtwetterperiode im Juni mit dem Dauerregen und der Kälte? Die ersten Tage habe ich noch gut verpackt und es mir mit reichlich Büchern und Mina im Auto gemütlich gemacht. Doch irgendwann wurde es immer nasser, matschiger und kälter. Selbst Mina, die wirklich sehr genügsam ist, was das Wetter angeht, wollte irgendwann nicht mehr zur Hunderunde raus und hat sich stattdessen lieber unter der Decke eingerollt. Der Campingplatz am Schluchsee, wo wir damals waren, wurde immer leerer und einsamer. Der Regen prasselte immer lauter und eintöniger aufs Wagen- und Vordach. Der Matsch lief in Bächen vor der Autotür entlang und gelangte bei jedem Ein- oder Aussteigen durch Mina und mich ins Auto. Die Schuhe trockneten nicht mehr und die saubere (noch trockene) Wäsche neigte sich einem rapiden Ende zu. Der Schluchsee wurde immer dunkler und schwärzer. Die Menschen, die wir vereinzelt hin und wieder zu Gesicht bekamen, zogen emotionslose Gesichter.

Ein paar Tage konnte ich damit umgehen. Aber irgendwann kippte meine Stimmung. Passenderweise habe ich gerade ein Buch gelesen, in dem es um vier "Freundinnen" ging, die sich die ganze Zeit gestritten und vor einander bloß gestellt haben und der Mann der einen sehr qualvoll an Krebs starb. Sehr passend.

Irgendwann kam der Moment, wo ich merkte, dass da gerade ein Emotionstief vorm Auto steht und seit zwei Tagen durch die Fenster hereinschaut. Stellt es euch ein bißchen wie bei Harry Potter und den Dementoren vor. Eigentlich tun sie erstmal nichts bedrohliches. Aber sie schaffen eine eisige Atmosphäre und saugen jegliche Lebensfreude in sich auf. Genau der Moment war bei mir da und wie ich zum Glück bemerkte, ging es schon seit zwei Tagen so. (Ich rede hier nicht einfach von zwei Tagen, wo es einem mal nicht so gut geht, sondern von echten Scheiß-Tagen.)

Nun ist es ja immer schon ein erster hilfreicher Schritt, diese Stimmung zu erkennen und zu benennen. Der nächste Schritt hieß für mich: Kontakte zu meinen Freunden suchen (dank Handy und Internet ging das recht problemlos), das beklopppte Buch in hohem Bogen wegschmeißen und einen ganz schnellen Ortswechsel vornehmen. Und das tat so gut! Klar, es ging mir nicht direkt wieder rosarot, aber es ging bergauf. Der Ortswechsel brachte mehr Menschen in meine Nähe, die Einsamkeit verschwand. Der dunkle, bedrohlich wirkende Schluchsee war weit weg und ich hatte endlich wieder Bücher mit positiverer Geschichte zum lesen.

Loreley Rhein Urlaub Sommer Depression Nachdenkliches Antidepressiva Lomografie Fisheye

Das ganze fand übrigens recht mittig im Urlaub statt. Die vier Wochen unterwegs waren sehr intensiv für mich. Wann hat man schon so viel Zeit nur für sich, seine Gedanken, Emotionen, Erinnerungen und Pläne? Wahrscheinlich war es genau richtig, dass ich diese zwei Tage so direkt und so ungefiltert mit mir allein erlebt habe.

Loreley Rhein Urlaub Sommer Depression Nachdenkliches Antidepressiva Lomografie Fisheye

Loreley Rhein Urlaub Sommer Depression Nachdenkliches Antidepressiva Lomografie Fisheye

Zum einen konnte ich so die Erfahrung machen, dass es mir mittlerweile auch ohne die Unterstützung von Antidepressiva gelingt, aus einem sich anbahnenden Tief herauszufinden. Zum anderen war es mir ein sehr deutliches Warnsignal. Die Depression ist eine chronische Erkrankung. Auch wenn es mir jetzt gut geht, ist sie nach wie vor ein Teil von mir. Ich nehme sie nicht mehr als Bedrohung wahr. Sondern als Warnsignal dafür, dass ich nicht wieder in alte Verhaltensmuster und Gedankengänge hinein rutsche.

Mein letztes richtiges Tief war letztes Jahr im September. Das ist nun ein Jahr her. Es bedeutet mir sehr viel, dass ich in der Zwischenzeit so viel über mich und meinen Umgang mit der Krankheit lernen konnte.

Loreley Rhein Urlaub Sommer Depression Nachdenkliches Antidepressiva Lomografie Fisheye

Die letzten drei Monate haben mir gezeigt, dass ich nun bereit bin, mein Leben ohne Antidepressiva und ohne begleitende Therapie zu leben. Es gibt zwar immer noch Themengebiete, die mich mehr belasten als andere. Und sehr emotionale Situationen können mich je nach Tagesform immer noch überfordern. Aber alles in allem bin ich stabil.

Ich mag mein Leben und ich mag mich. Und das ist so viel wert!

Loreley Rhein Urlaub Sommer Depression Nachdenkliches Antidepressiva Lomografie Fisheye

(Die Texte zu meiner Reihe "Was heißt Depression für mich?" und weitere Infos zur Depression findet ihr übrigens hier. Kirstin hat auf ihrem Blog über ihre Erfahrungen beim Absetzen von ihrem Medikament geschrieben: sehr lesenswert und sehr persönlich!)

Kommentare:

  1. Finde ich super, dass Du das so gut beobachtet, darauf reagiert und damit so super wieder in den Griff bekommen hast!

    lg
    Maria

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Maria,
      vielen Dank für deine lieben Worte!
      Liebe Grüße und einen schönen Sonntag!
      Frauke

      Löschen
  2. Liebe Frauke,
    gerade fühlte ich mich in der Zeit zurückgesetzt. In eine Zeit, in der ich Ähnliches bis Gleiches mitgemacht habe. Ich hatte unter anderem mal hier: http://www.kruemelmonsterag.de/2014/07/paroxetin-geschenk-des-himmels-oder.html darüber berichtet.
    Ich freue mich, dass du deine Psyche, dein Leben ohne Pillchen wieder in den Griff bekommen hast. Ich wünsche dir, es geht so positiv weiter.
    Ich hänge momentan sehr, sehr tief - so sehr, dass ich in der Tat darüber nachdenke, mir doch wieder pharmazeutische Hilfe zu holen.
    Dein Post, deine Zuversicht rütteln an mir und spornen mich an, auch weiterhin ohne Hilfe von außen mit der aktuellen Situation fertig zu werden. Danke dafür.
    Liebste Grüße schickt dir
    Kirstin
    www.kruemelmonsterag.de

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Kirstin!
      Vielen Dank für den Link zu deinem Text! Ich habe ihn direkt oben im Text noch verlinkt, weil ich ihn sehr toll und sehr persönlich finde. Du beschreibst sehr direkt, wie sich der Körper und der Kopf verhalten können, wenn die Dosis plötzlich weg ist...
      Für dein momentanes Tief wünsche ich dir viel Energie, Optimismus und ausreichend Kraft um das Licht nicht aus den Augen zu verlieren! Wenn du dir wieder Psychopharmaka-Hilfe suchen solltest, wäre dann vielleicht ein anderes Medikament passender? Deine geschilderten Symptome klingen nicht gerade sehr verlockend um aus einem Tief heraus zu kommen... Fühl dich aus der Ferne auf jeden Fall gedrückt! Und es würde mich freuen, wenn du mich über deine weiteren Schritte auf dem Laufenden halten würdest!
      Ganz liebe Grüße!!!
      Frauke

      Löschen
  3. danke, dass du so offen über deine erfahrungen mit depression schreibst. aber auch deine anderen posts machen mut, denn sie zeigen, dass man auch mit dieser diagnose spaß am leben haben kann!
    lieben gruß, susi

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Susi!
      Danke für deinen so lieben Kommentar <3
      Liebe Grüße und einen schönen Sonntag noch!
      Frauke

      Löschen
  4. Ich kann nur immer wieder sagen wie unsagbar stolz ich auf Dich bin. Du gehst dagegen an, du packst es an, du bist so zuversichtlich und voller Lebensfreude und Lebenslust. Das hilft bestimmt vielen die auch davon betroffen sind. Weiter so Frauke! Ein sehr gutes Beispiel dafür dass man es aus der "Spirale" schaffen kann.
    Ich drücke Dich ganz feste, Nina

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Nina!
      Vielen Dank, das geht runter wie Öl <3 Danke dafür!
      Ganz liebe Grüße!
      Frauke

      Löschen
  5. Liebe Frauke,
    ich finde es ganz toll, wie Du es geschafft hast mit der Krankheit umzugehen und nun auf die Medikamente verzichten kannst.
    Und ehrlich, alleine ( aber mit Deiner vertrauten Mina ) 4 Wochen in den Urlaub aufzubrechen ist sehr mutig, das traut sich auch nicht jeder !
    Ich z.B. brauche auch immer jemanden bei mir, zumindest würde ich mich nicht unbedingt alleine in einen Urlaub trauen.
    Weiter so, Du kannst mega stolz auf Dich sein !!!!!!!!!
    Ich wünsche Dir weiterhin alles Gute.....genieße die Tage, das Leben mit Deinem so guten Freund Mina <3
    Herzliche Grüße
    Nane

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Nane!
      Danke für deine lieben Worte!
      Es tut sehr gut, auf einen so persönlichen Text so schöne und liebe Worte zu lesen!
      Ganz liebe Grüße!
      Frauke

      Löschen
  6. Liebe Frauke,
    wie schön dass du es geschafft hast!! Dein Bericht ist so wundervoll ehrlich,dass ich echt Gänsehaut gekriegt habe. Besten Dank für deine Offenheit!
    Ich wünsche dir viel farbenfrohe,intensive Momente,die du geniessen kannst und wenn wieder einmal so ein Tief vor der Türe steht, dass du es rechtzeitig erkennst und dich damit auseinandersetzen kannst.
    Fühl dich lieb gedrückt! <3
    Liebe Grüsse Alizeti

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Alizeti!
      Danke schön <3 Ich freu mich sehr über dein so liebevolles Feedback und deine tollen Wünsche!
      Ganz liebe Grüße,
      Frauke

      Löschen
  7. Hallo Frauke,
    heute habe ich Deine Seite entdeckt.
    Eigentlich war ich auf der Suche nach einer Häkelanleitung. :-)
    Dann fand ich all das, was Du über Deine Depressionen geschrieben hast, viel interessanter!
    Ich habe jahrelang ADs genommen, in dieser Zeit mehrere Versuche gemacht, sie abzusetzen und bin jetzt schon über drei Monate "clean". Mir hat viel Sport dabei geholfen.
    Kritische Tage habe ich nur noch, wenn ich wie kürzlich wegen einer Erkältung nicht regelmäßig raus komme.
    n Deinen Kapiteln "Was heißt Depression für mich?" habe ich Fragen entdeckt, die auch mir manchmal gestellt werden und einige Deiner Antworten werde ich als Formulierungshilfen mitnehmen, da ich selbst oft nicht in der Lage bin, meine Gefühle zu beschreiben, weil bei mir auch noch ADS dazu kommt. Da ist manchmal in der Mitte des Satzes der Anfang schon weg und das Ende suche ich dann vergebens. Seufz.
    Ich wünsche Dir, dass Du auch weiterhin gut mit Deiner Depression leben kannst und die Tiefs beherrschbar bleiben!
    Fenna

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Fenna,
      herzlich willkommen auf meinem Blog :-) Es freut mich sehr, dass es dir hier bei mir gefällt und dass du dich in meinen Texten wiederfinden kannst! Mir hat das Schreiben über meine Depression sehr geholfen, sie zu verstehen, als einen Teil von mir anzunehmen und den Weg aus der Dunkelheit heraus zu finden.
      Ich drück dir die Daumen, dass es bei dir weiterhin ohne Tabletten klappt! Bei mir ist das mit dem regelmäßigen Sport leider noch nicht so routiniert. Dank Mina komm ich aber regelmäßig zu langen Hunderunden raus und das ist ja so ähnlich wie Sport ;-)
      Und ich wünsch dir einen schönen Weg in die Zukunft, mit möglichst wenig Rückschlägen!
      Liebe Grüße,
      Frauke

      Löschen

Ich freu mich über jedes liebe Wort von euch :-)