Mittwoch, 2. März 2016

Ich habe Angst vor der Angst vor der Depression

Klingt kompliziert und ist es auch. Ich habe selbst einige Tage gebraucht, um da drauf zu kommen.

Klar, ich habe die Depression als Krankheit akzeptiert. Sie ist ein Teil von mir und meinem Leben.

Aber sie ist eine krasse Krankheit und sie hatte mal sehr viel Macht über mich. Stück für Stück konnte ich mich aus dem bodenlosen Schwarz, das mich monatelang umgab, heraus graben und fiel dabei immer wieder einige Schritte in das schwankende Nichts zurück.

Das Kämpfen, um den Alltag zu überstehen, und die Kraft, um nach vorn zu schauen in Momenten, wo ich nichts mehr fühlte, das ist mir einprägsam in Erinnerung geblieben. Dieses Nichts-Fühlen, diese graue Nicht-Gefühlsmasse, kombiniert mit tiefschwarzen Gedanken und dieser Hoffnungslosigkeit verursacht mir bis heute ein ungutes Grummeln im Bauch.

Ich habe Angst noch einmal so tief und haltlos zu fallen. Und ich habe Angst, dass ich dann nicht mehr die damalige Kraft habe um zu Kämpfen. Ich habe Angst, dass ich versage, wenn ich mich selbst am nötigsten brauche. Und ich habe Angst davor, dass ich mein zur Zeit echt schönes Leben eigentlich nicht verdient habe und dass das dem Schicksal doch irgendwann mal auffallen muss. Ich habe Angst, die schönen Augenblicke zu genießen und die Zukunft zu planen, weil ich Angst habe, es nicht wert zu sein, diese Momente erleben zu dürfen.

In der letzten Zeit wurde mir durch verschiedene Situationen die Macht der Krankheit vor Augen geführt. Nicht an mir selbst, aber an anderen Menschen. Selbst bei Menschen, die eigentlich stabil waren. Und immer, wenn ich die Auswirkungen der Depression bei meinen Mitmenschen sehe, kommt die Depressionsstimme in meinem Kopf von hinten um die Ecke herum und flüstert mir ins Ohr, dass er mir genauso ergehen wird. Dass ich mich nicht zu sehr in Sicherheit wähnen darf, weil sie auf mich wartet. Und vor diesen geflüsterten Sätzen habe ich Angst. Und noch mehr Angst habe ich vor der Angst, weil die eigentliche Angst der Krankheit mehr Macht verleiht, als sie in Wirklichkeit hat.

Angst vor der Depression


Bei Nora habe ich einen Text gelesen, in dem sie über die Hintergründe ihrer Suizidgedanken spricht. Dieser Absatz beschäftigt mich noch immer:

"Was ich nicht will, sind [...] Suizidgedanken. Doch unaufhaltsam kommen sie und werden stärker. Nicht weil ich nicht mehr leben will, sondern weil ich mehr Angst vorm Leben als vorm Sterben habe … weil ich nicht mehr kann …"

Genau das ist es, woher meine Angst vor der Angst kommt. Ich habe Angst, dass ich irgendwann mehr Angst vorm Leben als vorm Sterben haben werde. Weil die Depression mit aller Macht zurück ist und mir die Kraft fehlt, erneut zu kämpfen.

Die letzten Tage war ich innerlich sehr unruhig und angespannt. Mir fehlte buchstäblich die Luft zum Atmen, weil mein Brustkorb so eng und eingeschnürt war. Wie es manchmal so ist, kamen heute im Laufe des Tages ein paar Fragen und Erzählungen der richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt. Ich wurde immer unruhiger und konnte es doch nicht benennen, weil es ja keinen konkreten Anlass für meine Angespanntheit gab. Vorhin habe ich mir deshalb eine sehr heiße Badewanne eingelassen und bin ich mit dem Buch von Tobi Katze in die Wanne gegangen. Das hatte ich vor ein paar Wochen angefangen zu lesen, aber dann zur Seite gelegt, weil es mich zu sehr beschäftigt hat. Es erinnerte mich zu sehr an meine eigene Hilflosigkeit, die ich damals der Depression gegenüber empfand. Heute habe ich es mir aus einem Gefühl heraus geschnappt und zufällig genau die passenden Kapitel gelesen.

Es machte Klick und mir wurde bewusst, was mich die letzten Tage so zerissen hat: Die Angst vor der Angst vor der Depression.

Genau das, was ich nie wollte. Ich wollte keine Angst vor der Depression haben. Weil ihr das Macht gibt. Weil sie das Unberechenbar macht. Ich wollte sie als gleichwertigen Partner auf Augenhöhe in meinem Alltag, der mich nicht einschüchtert, auch wenn er im Hintergrund präsent ist und auch nicht so schnell gehen wird.

Und doch, umso mehr ich mich von dem abgrundtiefen Loch der Anfangszeit meiner Depression entferne, umso mehr Angst habe ich, dass ich genau dort noch mal hinein fallen könnte. Total schlau, dass ich so viel Angst vor der Depression habe, dass ich schon Angst vor der eigentlichen Angst habe, anstatt die Angst einfach mal als solche zu benennen. Das alles ist mir beim Lesen bewusst geworden. Und nun sitze ich hier und fasse meine Gedanken in Worte, um sie greifbarer zu machen.

Schreiben hilft. Während ich diese Worte tippe, fällt die Anspannung Stück für Stück von mir ab und ich bekomme wieder besser Luft. Meine aufeinander gebissenen Zähne lockern sich und ich kann der Angst in die Augen schauen. Plötzlich ist sie kein Schreckgespenst mehr, das undefiniert um mich herum wabert und mich mit seinem kalten Atem im Nacken kitzelt. Nö, sie ist da und schaut mich an und ich schaue sie an. Sie ist nicht weg, aber ich versuche sie nicht mehr unbewusst zu verdrängen und ihr damit noch mehr Macht als Nötig zu geben. Es ist okay, dass ich Angst vor der Depression habe. Die Angst darf mich nur nicht lähmen und keine Überhand nehmen. Dafür muss ich sie aber erkennen und wahrnehmen. Check, erledigt.

Nun versuche ich noch zu akzeptieren, dass ich es wert bin, schöne Momente zu erleben, immer und immer wieder. Das Schicksal hat das schon längst erkannt, es hat mir das nur nicht schriftlich mitgeteilt. Schwarz-auf-weiß wäre das einfacher zu glauben. Wobei das Gegenteil ja auch nirgends schriftlich festgehalten ist.

Kommentare:

  1. Liebe Frauke, Du hast das sehr eindrucksvoll beschrieben. Manchmal stehen wir uns selbst im Weg mit diesen verdammten Ängsten. Ich habe mein Glücksmomentebuch, um mir jeden Tag die positiven Momente vor Augen zu führen. Liebe Grüße Sabine

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    1. Liebe Sabine,
      danke für deine lieben und verstehenden Worte!
      Das mit dem Glücksmomentebuch hatte ich auch mal angefangen, aber irgendwann nach ein paar Monaten wieder eingestellt. Ich wünsch dir viele schöne Momente in der kommenden Zeit!
      Liebe Grüße, Frauke

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  2. Liebe Frauke, ich finde, treffender kann man es nicht in Worte fassen. Es ist schön, dass Du so offen damit umgehen kannst, ich traue mich das nicht.
    Es denkt an Dich sabine

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    1. Liebe Sabine,
      ich brauche diese Offenheit im Umgang mit der Depression, um besser mit ihr klar zu kommen. Wenn du dich nicht traust, so offen darüber zu reden, dann ist das okay. Solange du einen Weg findest, nach vorn zu schauen und mit der Krankheit zu leben. Jeder hat seinen eigenen Weg in Bezug auf die Krankheit.
      Ich wünsche dir genügend Kraft und Energie!
      Liebe Grüße,
      Frauke

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  3. Liebe Frauke,

    dann gebe ich es dir schwarz auf weiß: Du bist es wert, dass dir Gutes passiert, es darf dir gut gehen!!! Weil das ein universales Menschenrecht ist. Du bist ein Mensch!

    Vielleicht hilft das ja ein bisschen.

    Liebe Grüße,
    Sandra

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    1. Liebe Sandra,
      danke! Das hilft. Ein universelles Menschenrecht schließt schließlich jeden Menschen mit ein.
      Liebe Grüße,
      Frauke

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  4. Wie gut, dass sich deine Anspannung mit dem Schreiben lösen konnte. Und ich kann es dir auch noch sagen, du bist es wert, dass du schöne Momente erleben kannst . Dass du die Zukunft planen kannst. Dass du geniessen kannst.
    Und doch verstehe ich auch deine solchen Gedanken, geht mir manchmal ebenso. Das "nicht genug sein" für diese Welt. Zum Glück verschwinden solche Gedanken immer wieder :-) Ich drück dich ganz lieb!
    Liebe Grüsse Alizeti

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    1. Liebe Alizeti! Danke für deine sehr lieben Worte!
      Es ist immer wieder schön, wenn diese blöden und überflüssigen Gedanken verschwinden, nicht wahr?!
      Ganz liebe Grüße! Frauke

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  5. Liebe Frauke, lass Dich feste drücken! Es ist schön zu lesen, dass Dir das Schreiben darüber geholfen hat und ich kann es nur immer wieder sagen wie stolz ich auf Dich und Deinen Umgang mit der Depression bin. Du bist so ein liebenswerter, ehrlicher Mensch und DU BIST ES AUF JEDEN FALL WERT schöne Momente zu erleben.
    Nina

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    1. Liebe Nina! Einen ganz lieben Dank für deine Worte! <3

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Ich freu mich über jedes liebe Wort von euch :-)