Dienstag, 25. Oktober 2016

Über ein Katzenleben, Andeutungen eines menschlichen Elends und mein Problem mit der Hilflosigkeit

Auf der heutigen Feierabend-Hunderunde habe ich eine Katze gerettet. Das klingt krasser, als es eigentlich war, und doch beschäftigt es mich sehr.

Mina und ich liefen hier in der Umgebung einen Fußweg entlang. Dort ist zu dieser Uhrzeit viel los an Fußgängern, Radlern und Moped-/Rollerfahrern, die alle heimwärts wollen.

Als wir schon ein Stück gegangen waren, kam uns eine Katze entgegen. Die Frau ein paar Meter vor uns geriet in Panik und wollte sie vom Weg verscheuchen. Sie sprach kein Deutsch, deshalb habe ich nicht verstanden, was sie sagte. Doch als die Katze zielstrebig auf Mina und mich zurannte und die Frau links liegen ließ, ging sie erleichtert weiter.

Je näher die Katze kam, umso mehr wurde ihr schlechter Zustand sichtbar. Abgemagert bis auf die Knochen, struppiges Fell. Der Schwanz verfilzt, verdreckt und augenscheinlich entzündet. Die Augen starrten mich an und ihr hungriges Miauen war herzzerreißend. Immer wieder umkreiste sie mich und versuchte vorsichtig zu Mina zu kommen, die sie zwar neugierig musterte, von mir aber auf Abstand gehalten wurde. Zitternd kauerte sich die Katze etwa 2 Meter von uns entfernt auf den Weg, schaute mir sehr tief in die Augen und miaute kläglichst.

So, was macht man nun?

Frauke ruft die Polizei, weil sie das hilflose Geschöpf nicht einfach seinem Schicksal überlassen möchte. Wer weiß, wo sie herkommt. Vielleicht ist sie jemandem entlaufen und findet den Heimweg nicht mehr, während der Besitzer bangenden Herzens daheim auf sie wartet. Oder sie wurde ausgesetzt. Oder oder oder. Dieses zutrauliche Verhalten, was sie mir gegenüber zeigte, deutete für mich auf eine eigentlich liebevolle Herkunft hin.

Die Polizistin unter der 110 war zwar nicht zuständig, rief netterweise aber den Tierschutz an. Allerdings sollte ich die Katze "festhalten" (äh?) oder einen Karton drüber werfen, weil der Tierschutz erst in einiger Zeit eintreffen würde und nicht raus kommt, wenn die Katze nicht gesichert ist. Nun gut. Anfassen fiel für mich flach, dafür sah die Katze zu krank aus. Einen Karton hatte ich nicht dabei und keiner der vorbeikommenden Fußgänger besaß einen oder hätte einen in wenigen Minuten griffbereit gehabt.

Und so sah ich einfach weiter zu, wie die Katze uns abwechselnd umkreiste und sich dann immer wieder hinsetzte und mich hilferufend anmiaute. Als der Tierschutz bei mir anrief, waren zwar erst ein paar Minuten vergangen, aber bis ein Fahrer bei mir wäre, würde es etwas 30 - 60 Minuten dauern. Puh. Da ich das zerbrechliche Wesen nicht einfach so ruhigen Gewissens weiter laufen lassen konnte, versprach ich, es im Auge zu behalten bis das Auto da wäre.

Das tat ich dann auch. Sobald sich ein Moped-/Roller-/Fahrradfahrer näherte, lockte ich die Katze an die Seite, wo es dann für einen Moment blieb, um dann doch wieder unruhig um uns herum zu kreisen.

Irgendwann wurde es ihr zu doof. Da lief sie langsam den Weg weiter, eine Abzweigung des Fußweges hinein und dann einen unauffälligen Pfad in die Büsche entlang. Mina und ich blieben ihr auf den Fersen und sie schaute auch immer wieder, ob wir ihr noch folgten. Nach einigen Metern wurde das Gestrüpp immer dichter. Auf dem Boden lagen alte, verrottende Matratzenreste. Die Katze setzte sich ein Stück tiefer in die Büsche rein und miaute immer weiter. Vor ihr stand eine offene Katzenbox, die mit einem zerrissenen BVB-Handtuch abgedeckt war. Ein Wasserschälchen stand in greifbarer Nähe. Außerdem lagen einige Spritzen verstreut. Scheinbar lebte dort mal jemand auf den Matratzen im Gestrüpp und hielt sich eine Katze. Der Zustand der Matratzen deutete für mich darauf hin, dass der Mensch schon längere Zeit nicht mehr dort geschlafen haben konnte. Vielleicht war die Katze deshalb auch nicht mehr gefüttert worden.

Doch für weitere Gedanken war vorerst keine Zeit, weil der Mann vom Tierschutz kam. Erst weigerte er sich, mit in die Büsche zu kommen, weil er die Katze dort eh nicht fangen könnte. Doch dann wollte er sie sich zumindest mal ansehen. Die Katze saß weiterhin an der selben Stelle und miaute aus vollem Hals. Doch sie saß so tief im Gebüsch, dass wir nicht an sie dran kamen. Der Mann wollte schon unverrichteter Dinge umkehren, doch ich bat ihn um einen Versuch. Und so kroch ich tiefer in die Büsche und lockte sie mit zuckersüßen Worten in Richtung der Katzenbox, die ja wahrscheinlich ihr zuhause war. Sie kam wirklich, doch sie wollte nicht in die Box. Stattdessen verfing sie sich in zwei Brombeerästen und ihr verfilzter Schwanz blieb dort hängen. So konnte sie zumindest nicht mehr abhauen und der Tierschützer holte einen Kescher aus dem Auto. Während er sie damit auf dem Boden fixierte, löste ich ihren Schwanz von den Brombeerdornen. Das Umpacken in seine Katzenbox war dann zwar nicht sonderlich einfach (die Katze verfing sich mit ihren Krallen in dem Netz vom Kescher), aber ab hier war ich mir sicher, dass es für sie nun bergauf gehen würde. Die hilflose Katze war aus ihrer aussichtslosen Lage gerettet und jetzt in Händen, die sich um sie kümmern würden.

Der Tierschützer wollte als nächstes mit der Katze zum Tierarzt fahren und danach käme sie vermutlich ins Tierheim. Er versprach, mich anzurufen, sobald er wüsste, was aus ihr wird.

Seit ich nun zuhause bin, spuckt mir die Katze im Kopf herum. Wie ist ihr Name? Wo kam sie her? Was hat sie bisher erlebt? Was sagt der Tierarzt über ihren Gesundheitszustand? Aber auch: wer lebt(e) dort auf dem Matratzenlager, unter den Büschen, mit den Spritzen? Was ist mit ihr/ihm passiert, dass er zum einen dort lebt und zum anderen: warum kann er sich nicht mehr um seine Katze kümmern? Normalerweise tun gerade Menschen in Not noch so einiges für ihre Tiere.

Doch der Blick der Katze, diese Hilflosigkeit, die sie versprühte, die beschäftigt mich am meisten. Auch wenn viele Menschen einfach achtlos an ihr vorbei gegangen wären, hätte ich das nicht gekonnt. Wenn ich jemand Hilfloses sehe, egal ob Mensch oder Tier, berührt es mich und ich versuche zu helfen. Für mich halt Hilflosigkeit etwas sehr mächtiges, ja lähmendes. Das Gefühl habe ich lange Zeit selbst erlebt und es hat mich sehr geprägt. Deshalb möchte ich ein anderes Wesen, das in einer Situation ist, wo es ebenfalls hilflos ist, nicht schutzlos alleine lassen, sondern ihm die Hilfe anbieten, die ich mir damals gewünscht hätte. Dafür krieche ich sogar in Büsche, wo Spritzen auf dem Boden verteilt liegen. Auch wenn ich selbst die Katze nicht retten konnte, so konnte ich ihr zumindest die Hilfe holen, die sie gerade brauchte.

Mauer Herbst Streetart Laub Dortmund Hoffnung


Warum ich das alles gerade so ausführlich aufschreiben? Weil es mich beschäftigt.

Und weil ich die Hoffnung nicht aufgebe, dass mehr Menschen mit offenen Augen durch die Welt gehen und dort helfen, wo sie Hilfe geben können. Viele Menschen schauen in den Momenten weg, wo genau ihre Hilfe benötigt würde. Sei es von einem kleinen Kind, einer erwachsenen Person oder einem Tier.  Selbst wenn man selber nicht helfen kann, kann man zumindest jemanden einschalten, der Hilfe leisten kann. 

Was für mich so selbstverständlich ist, ist für einige Menschen nicht vorstellbar. Vielleicht erreiche ich mit meinen heutigen Worten ja einen dieser Leute, der sein Verhalten dann etwas überdenkt.

Kommentare:

  1. wie schön. Ich finde es ganz ganz toll, dass du dich so lieb gekümmert hat. Viele Menschen wären achtlos weitergegangen. Man kann nicht jedes Tier auf der Welt retten, aber für jedes gerettet Tier ist es eine ganze Welt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das stimmt, für jedes Tier ist es eine ganze Welt!
      Liebe Grüße, Frauke

      Löschen
  2. Die arme Katze. Da hat sie ja wirklich Glück gehabt, dich zu treffen und sie hat ja irgendwie wohl auch gespürt, dass sie bei dir richtig ist. Ich würde mir ebenfalls sehr wünschen, dass mehr Menschen auch ein Herz für andere zeigen. Vielen Dank für diesen Beitrag, der mich sehr berührt hat!
    Liebe Grüße, Kirsten

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke für deine lieben Worte!
      Liebe Grüße, Frauke

      Löschen
  3. <3

    Danke für diesen so persönlichen Beitrag!

    AntwortenLöschen
  4. Da hat die Katze aber großes Glück gehabt, dass sie auf Euch getroffen ist (y)
    Ich selbst bin ein vernarrter Katzenmensch und hab mit meiner Rottimaus auch schon eine Katze gerettet... wir trafen sie auch unterwegs, abgelegen im Winter auf einem Weg immer im Kreis laufend :( Zum Glück ließ diese sich einfangen und ich vermute, sie hat sich auf einem Misthaufen gewärmt... so roch sie. Das hielt mich aber nicht davon ab, meine Kapuze vom Anorak vor die Brust zu knöpfen und das arme Tier da reinzusetzen. Zuhause wurde sie im Bad separiert, da ich selber zwei Katzen hab und bekam erstmal was zu futtern. Sie war bestimmt halb verhungert... dann mußte ich sie leider ins TH bringen. Aber das war bestimmt um Welten besser wie draussen kläglich zu verrecken...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Deine Geschichte ist auch sehr krass, aber auch sehr schön! Wie toll, dass sich die Katze einfach so von dir einsammeln ließ und du sie damit aus ihrer Notlage befreien konntest! Das Tierheim ist mit Sicherheit eine bessere Alternative als der Hungertod im Winter...
      Liebe Grüße, Frauke

      Löschen
  5. Liebe Frauke,
    ich finde, du hast alles richtig gemacht. Ich habe mit Katzen die Erfahrung gemacht, dass sie erst dann um Hilfe miauen, wenn es am dransten ist und sie keinen Ausweg mehr sehen. Es sind eben Freigeister, Individualisten.
    Und ich denke, Menschen, die gegenüber Tieren gleichgültig sind, sind auch an ihren Mitmenschen nur mäßig interessiert. Also - alles gut! Im Tierheim hat die Mieze gute Pflege und die Aussicht auf ein neues Zuhause.
    Liebe Grüße von Sabine

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Sabine!
      Das stimmt, die Erfahrung habe ich auch gemacht. Zwar kann man das natürlich nicht pauschal sagen, aber bei vielen trifft es halt zu.
      Mittlerweile weiß ich auch mehr: es war ein kastrierter Kater, der leider nicht gechipt ist. Es geht im soweit gut und er ist sehr lieb!
      Liebe Grüße, Frauke

      Löschen

Ich freu mich über jedes liebe Wort von euch :-)