Montag, 23. Januar 2017

Arya: eine hilfreiche App für Menschen mit Depressionen -- heute im Interview: die Mitbegründerin Kristina Wilms

Am Anfang vom Winter stieß ich zufällig über einen Bericht über eine App namens "Arya", die für Menschen mit Depression entwickelt wurde. Sie soll helfen, die eigenen Emotionen und Verhaltensmuster zu erkennen und sich dadurch besser wahrzunehmen. In einem selbst wählbaren Rhythmus fordert Arya einen auf, mehrere kurze Fragen zu beantworten, die auf die gerade jetzt gefühlte Wahrnehmung und das Körperempfinden abzielen. Da ich damals in einer recht instabilen Phase meiner Depression war, lud ich mir die App ziemlich direkt auf mein Smartphone.

Arya App Depression psychische Erkrankung Hilfe Therapie Unterstützung Startup Kristina Wilms
Auch wenn der Text auf dem Bild in englisch ist: Arya ist auch auf deutsch einstellbar!

Danach habe ich Arya für mehrere Wochen täglich genutzt. Für mich war es sehr hilfreich kontinuierlich 2 mal am Tag dazu aufgefordert zu werden, kurz in mich hinein zu hören, wahrzunehmen und in Worte zu fassen, was gerade in mir los ist. Dadurch bekam ich ein Gefühl dafür, was mich bewegt, wann meine Stimmung umkippt oder was auch evtl. der Auslöser für eine schlechte Laune sein konnte. Da eine Frage auch ist, wie ich in dem gerade geschilderten Moment reagiert habe, fing ich an, mein Verhalten zu hinterfragen. Was war, wie fühlte ich mich, wie habe ich reagiert? Und ganz wichtig: welche körperlichen Symptome merke ich wie?

Arya App Depression psychische Erkrankung Hilfe Therapie Unterstützung Startup Kristina Wilms


Arya war für mich wirklich sehr hilfreich um einen Zugang zu dem sich damals anbahnenden und dann rechtzeitig abgewendeten Tief zu finden. Sie ist übersichtlich gestaltet, einfach zu bedienen und integriert sich dadurch perfekt in meinen Alltag.

Nachdem ich so gute Fortschritte bei mir selbst feststellen konnte, wurde ich neugierig. Wer steckt dahinter? Wie kam man darauf, diese App genau so zu entwickeln? Und wie geht es weiter? Bei meiner Recherche stieß ich auf Kristina Wilms. Sie war Mitbegründerin der App-Idee und hat selbst Depressionen. Kurzerhand schrieb ich sie an und fragte, ob ich sie und die App hier vorstellen dürfe. So herzlich, wie ich sie im Internet beschrieben gefunden hatte, so herzlich reagierte sie auch auf meine Anfrage :-)

Deshalb wünsche ich euch nun viel Spaß bei unserem Interview:


1.) Wer bist du und woher kommst du? 

Mein Name ist Kristina, ich bin 30 Jahre jung und lebe seit knapp zwei Jahren in Berlin, ursprünglich komme ich aus dem Rheinland. Ich habe nach dem Abitur BWL, Philosophie und Kunst studiert und wollte unbedingt in der Entwicklungszusammenarbeit arbeiten, weil ich einerseits die ganze Welt erleben wollte (will) und andererseits wollte ich meine Fähigkeiten dafür einsetzen, die Welt ein bisschen besser zu machen.


2.) Bei dir wurde die Depression 2012 diagnostiziert. Wie lange hast du gebraucht, bist du die Krankheit akzeptieren und als einen Teil von dir annehmen konntest?

Das hat sehr lange gedauert und ist ein fortwährender Prozess. Zunächst kam 2012 die Diagnose und löste bei mir große Erleichterung aus, weil ich endlich ein "Label" und eine Begründung für meine Verfassung hatte - zuvor dachte ich einfach, dass ich nicht auf diese Welt gehöre, ich fühlte mich wie ein Mängelexemplar. Mit der Zeit verstand ich mich und meine Erkrankung immer besser. Ich glaube, dass ich innerhalb der letzten 12 Monate einen großen Schritt in Richtung Akzeptanz gemacht habe.


3.) Einige kennen dich bestimmt schon durch den vor einiger Zeit ausgestrahlten Beitrag bei RTL Extra. Hier hast du uns an deinem Videotagebuch, das du ein Jahr lang geführt hast, teilhaben lassen. Wie war es für dich, mit deinem sehr persönlichen Video an die Öffentlichkeit zu treten?

Um ehrlich zu sein, habe ich zuvor gar nicht so richtig darüber nachgedacht, welche Konsequenzen das alles haben würde. Sogar am Tag der Ausstrahlung war ich vollkommen entspannt: Ich habe selber seit Jahren keinen Fernseher mehr und habe nicht damit gerechnet, dass Menschen wochentags um 22:15 Uhr (Termin der Ausstrahlung) diesen Beitrag sehen. Außerdem wusste ich ja selber nicht, was die Redakteurin mit dem Material gemacht hat. Ich habe sie zuvor bekniet, damit sie mich nicht blamiert, aber auch ich kannte das Ergebnis nicht. Den Beitrag selber habe ich übrigens nie gesehen. Zwar habe ich mich damals mit Freunden getroffen, um das Filmchen anzuschauen, aber schon nach ein paar Minuten musste ich den Raum verlassen, weil es mir so unglaublich unangenehm war. Nun liegt die DVD in meiner Schreibtischschublade. Eingepackt.


4.) Du hast viel Resonanz nach der Ausstrahlung bekommen. Wie war das für dich? Gab es auch negative Kommentare oder Rückmeldungen? Und wie bist du mit denen umgegangen? Gingen sie dir sehr nahe?

Ja, die Resonanz war extrem und auch extrem unerwartet für mich. Ich weiß noch, dass meine Kollegen mir zunächst verboten haben die Arya-Facebookseite anzuschauen, weil sie vorher die negativen Kommentare entfernen wollten (ich war sowieso schon total durch den Wind), aber da gab es keine negativen Kommentare. Auch in meinen Emails und meinen privaten Nachrichten fand sich kaum eine negative Rückmeldung. Ob negativ oder positiv: Die vielen und häufig sehr persönlichen Rückmeldungen und Geschichten anderer Betroffener gingen mir sehr sehr nah. Ich habe nächtelang nicht geschlafen und saß oft weinend vor meinem Laptop, weil ich es so unglaublich fand, was Menschen mir da offenbarten.


5.) Du bist Mitbegründerin der App Arya. Was bedeutet der Name "Arya"?

"Arya" kommt aus dem Sanskrit und bedeutet "wahrer Held". Weil wir finden, dass psychische Erkrankungen die Betroffenen einfach zu echten Helden machen.


6.) Wann kam dir das erste Mal der Gedanke, dass du eine solche App entwickeln möchtes? Und: hast du erst nach etwas ähnlichem gesucht und einfach nichts passendes gefunden oder wie genau kamst du überhaupt auf die Idee? 

Ich war damals in ambulanter Therapie und habe mich darüber geärgert, dass das Erledigen meiner therapeutischen Hausaufgaben (vornehmlich Stimmungsprotokolle) eine riesige und chaotische Zettelwirtschaft verursachte. Ich ärgerte mich darüber, dass das Erledigen so umständlich war und so wenig alltagstauglich. Da hat man ne Depression und muss sich zusätzlich noch mit so etwas rumschlagen - das fand ich doof. Außerdem fühlte ich mich zwischen den Therapiestunden schlecht betreut. Ich wünschte mir, dass die Inhalte der Therapie besser in meinem Alltag integriert waren.
Damals habe ich manchmal meine Stimmungen in meinen Kalender im Smartphone eingetragen. Die Apps, die ich auf der Suche nach Lösungen gefunden habe, fand ich aber nicht so passend. Außerdem wollte ich ein System, das ich mir nicht selber suchen muss, sondern das einfach Teil der Therapie ist, standardmäßig halt.


7.) Wie hat sich dein Team gefunden? Kanntet ihr euch bereits vorher oder seid ihr durch die Idee zusammen gewachsen?

Das ist eine lange und sehr außergewöhnliche Geschichte:
Wir kannten uns vorher nicht. Das war alles sehr zufällig. Damals habe ich eine Email in meinem Spam-Ordner beantwortet, in der es hieß: Hast du eine Idee für eine App, dann schick sie uns!
Das habe ich gemacht und meine Idee für meine "Depressions-App" in ein paar Zeilen formuliert. Ein paar Tage später erhielt ich einen Anruf. Ich hatte ein Ticket für den Startup Bus Europe gewonnen. Das ist ein Hackathon, wo leicht verrückte Designer, Programmierer und Menschen wie ich zusammenkommen, um irgendwelche Ideen umzusetzen. Dort habe ich Purcy meinen jetzigen Mitgründer kennen gelernt. Und wir haben damals übrigens die Veranstaltung gewonnen mit meiner Idee :)


8.) Ihr seid als überschaubares Start-Up gestartet. Wie läuft es zur Zeit?

Zur Zeit arbeiten 3 Leute Vollzeit bei Arya und 2 zusätzliche Menschen in Teilzeit.
Es läuft im Prinzip ganz gut - seit einem Jahr sind wir Teil eines Inkubator Programms, um Arya fit für den ersten Gesundheitsmarkt zu machen.


9.) Ihr habt einige Partner und Sponsoren an Bord geholt. Soll die App so auch zukünftig kostenfrei bleiben? 

Unser Ziel ist es Arya als Teil der Regelversorgung zu integrieren, so dass die klassischen Kostenträger (Krankenkassen und Versicherungen) die Kosten übernehmen.


10.) Wie viele Menschen nutzen derzeit die App? Sind es bisher nur Menschen mit Depressionen oder wird das Tool auch schon von Therapeuten oder Kliniken genutzt? 

Bisher haben etwas mehr als 30 000 Menschen die Basisversion von Arya heruntergeladen.
In diesem Jahr (also quasi jetzt) starten wir mit der Integration in das therapeutische Setting. Wir planen mind. ein Pilotprojekt mit Kliniken und natürlich die Zusammenarbeit mit Therapeuten im ambulanten Setting.


11.) Ich habe auf eurer Homepage gelesen, dass ihr die App so weiter entwickeln möchtet, dass man einfacher mit seinen Freunden/seiner Familie in Kontakt bleibt und dass die App durch die Einträge lernt, genau im richtigen Moment eine Aktivität vorzuschlagen, die einem gut tut. Das klingt sehr spannend! Habt ihr hier schon einen ungefähren Zeitplan, ab wann diese Features nutzbar sein werden? 

Wir arbeiten zur Zeit an der Planung der verschiedenen Features und haben das Konzept nochmal sehr stark verändert.


12.) Was ist deine Zukunftsvision für die App? Wo soll es hingehen, was erträumst du dir, welche Ziele habt ihr euch gesetzt?

Wir möchten Betroffene in allen Phasen ihrer Erkrankung begleiten - dabei helfen einen Therapieplatz zu finden, Wartezeiten überbrücken, die Therapie unterstützen und Rückfälle vermeiden, wir wollen eine Gemeinschaft schaffen, die sich gegenseitig unterstützt.
Das wichtigste für mich ganz persönlich an dem "Projekt" ist allerdings eine andere Sache: Und zwar einen Beitrag dafür zu leisten, dass Depressionen bzw. psychische Erkrankungen im Allgemeinen gesellschaftlich akzeptiert werden wie Zahnschmerzen oder ein gebrochenes Bein. Es soll möglich sein offener und "normaler" über seelische Gesundheit zu sprechen und die seelische Gesundheit soll genauso wichtig und ernstzunehmen sein wie körperliche Gesundheit.


Arya App Depression psychische Erkrankung Hilfe Therapie Unterstützung Startup Kristina Wilms



Vielen Dank, liebe Kristina, dass du dir die Zeit genommen hast, meine Frage so offen und so detailreich zu beantworten! :-)


Seid ihr nun neugierig geworden? Dann schaut euch mal die Internetseite von Arya an! Auch wenn die App natürlich keine fundierte Therapie ersetzt, so ergänzt sie sie sehr gut und hilft auf einfache Weise, seine Depression im Alltag zu beobachten und sich selbst und sein Verhalten etwas besser zu verstehen. Ohne viel Brimborium, großen Zeitaufwand oder tiefes Technikwissen.
 
Probiert es aus und empfehlt es Menschen, denen Arya auch ein Stück auf ihrem Weg raus aus der Depression helfen kann!


Kommentare:

  1. Das ist ja interessant! Danke für den Tipp:)

    AntwortenLöschen
  2. Ein interessanter Beitrag Frauke! Danke!

    AntwortenLöschen
  3. Die App hat mich auch sehr neugierig gemacht. Aber so wie ich es verstanden habe, gibt es die App nur für das iphone?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Die App gibt es auch über den google-play-store und nicht nur für das iphone! :-)

      Löschen
    2. Hab ich gefunden, aber leider kommt nach der Installation nur die Fehlermeldung:
      Webseite nicht verfügbar
      Die Website unter http://www.aryaapp.in/AryaApp konnte nicht geladen werden weil:
      net::ERR:_CONNECTION_RESET

      Löschen
    3. Mh, das ist ja blöd! Als ich mir die App im google-play-store runterladen habe, hat es funktioniert. Wende dich vielleicht einmal direkt an die Betreiber von Arya: info@aryaapp.co
      Von dort aus können sie dir bestimmt weiter helfen!

      Löschen
    4. Danke für den Tipp, werde ich mal eine Mail schreiben. Vielleicht wurde gerade an der App gearbeitet und deshalb die Fehlermeldung. Ich werde es nochmal versuchen.

      Löschen

Ich freu mich über jedes liebe Wort von euch :-)