Montag, 16. Januar 2017

Blogvorstellung: Meine Schwester tot und ich hier

Ende letzten Jahres stieß ich abends eher zufällig auf einen Blog, der mich erst wegen des ungewöhnlichen Titels ansprach und, als ich dann die Beschreibung der Autorin las, direkt in Herz und Bauch berührte. 

Auf "Meine Schwester tot und ich hier" erzählt Claudia von ihrer behinderten Zwillingsschwester und ihrer gemeinsamen Kindheit, bevor ihre Schwester im Alter von 5 Jahren starb. Sie findet dabei sehr offene, klare Worte, die eindrücklich ihre damalige Wahrnehmung beschreiben. Ihre Zwillingsschwester nennt sie dabei liebevoll Prinzessinenschwester. Außerdem erklärt sie, wie sie sich seit dem Tod ihrer Schwester "hälftenhaft" fühlt. Ein Wort, das ich zu gut verstehe.

Meine Schwester tot und ich hier Blogvorstellung behinderte Schwester Kind

Ohne es zu ahnen, hat Claudia eines der größte Angstthemen von mir berührt: dass meiner Zwillingsschwester, die ja ebenfalls eine Behinderung hat, etwas zustößt. Durch ihre präzisen und doch einfach gehaltenen Texte fesselte sie mich vom ersten Satz an und ich las ihren Blog an dem betreffenden Abend einmal komplett von Anfang bis zum damalig letzten veröffentlichtenText. Neugierig geworden auf die Person hinter dem Blog schrieb ich sie kurzerhand an und fragte sie, ob ich sie interviewen und ihren Blog bei mir hier vorstellen dürfe. Sie schickte mir liebe Worte zurück und bejahte meine Interviewanfrage :-) Und hier kommen meine Fragen und ihre Antworten:


Du hast deinen Blog im Frühling dieses Jahres gestartet. Ich habe gelesen, dass du das anlässlich des 20. Todestages deiner Zwillingsschwester getan hast. Wie kam es dazu? Hattest du schon länger die Idee oder war es spontan?

Die Idee, den Blog zu starten, kam ziemlich spontan. Im Februar war der 20. Todestag meiner Schwester, was sich schon ziemlich seltsam anfühlte, weil 20 eine große Zahl ist für sowas. Ein paar Tage später redete ich mit einer Bekannten darüber. Sie meinte, dass ich vielleicht sowas wie eine Kette bräuchte, die mich an meine Schwester erinnert und die ich immer bei mir tragen könnte. Ich verstand die Idee dahinter, zumindest einen Teil der Trauer aus meinem Körper auszulagern. Ich wollte aber keine Kette und kam dann ohne viel nachzudenken auf die Idee mit dem Blog. Das fühlte sich richtig an, vielleicht, weil ich schon immer viel geschrieben habe.


Du nennst deine Zwillingsschwester eine Prinzessinnenschwester, was ich sehr schön finde. Welche Rolle hast/hattest du? Bist du auch eine Prinzessin?

Meine Schwester war eine ziemlich coole Prinzessin mit abstehenden Haaren und vielen Dienern. Ich bin keine Prinzessin, aber die Schwester einer Prinzessin, was auch schon ziemlich cool ist. Manchmal wollte ich gerne eine Prinzessin sein, manchmal auch überhaupt nicht, weil das Leben als Prinzessin schon ziemlich langweilig sein kann. Prinzessinnen liegen viel herum und machen nichts und spielen nie und sie müssen sich immer benehmen.
Oder kurz: Meine Schwester war eine Prinzessin, weil sie eine Behinderung hatte und aufgrund dessen eben so war, wie sie war. Ich war keine Prinzessin, weil ich keine Behinderung hatte.


Deine Wortschöpfung der "Hälftenhaftigkeit" beschreibt die fehlende Hälfte. Die Lücke, die deine Zwillingsschwester in dir hinterließ. Ist das Gefühl bei dir immer da oder ist mal stärker, mal schwächer? Hast du für dich einen Weg gefunden, um diese Leere zu füllen, wenn das Gefühl immer stärker wird? Lenkst du dich ab, denkst du an sie, machst du sonst irgendetwas um deiner Hälftenhaftigkeit zu begegnen?

Dieses Gefühl gehört zu mir und ist immer da, mal mehr, mal weniger. Das ist okay, es wäre auch komisch, wenn ich dieses Gefühl nicht hätte. Ich habe keine Regel dafür, was ich tue, wenn das Gefühl stark wird. Es darf, es muss stark sein, weil meine Schwester ist tot. Es darf auch still und leise sein und trotzdem da, weil ich lebe.


Träumst du viel von euch beiden? Und wenn ja, wie sehen die Träume aus? Seid ihr noch Kinder oder ist deine Schwester auch erwachsen geworden? Was passiert in deinen Träumen?

Ich erinnere mich generell selten an Dinge, die ich geträumt habe, eigentlich nie. Ich habe bisher nur einmal von meiner Schwester geträumt, vor etwa zwei Jahren. Im Traum war ich erwachsen und meine Schwester ein Kind. Mir meine Schwester im Erwachsenenalter vorzustellen, das ist etwas, das nicht funktioniert, von daher ist es wohl logisch, dass sie im Traum etwa so war, wie ich sie in Erinnerung hatte.


Wie feierst du deinen Geburtstag? Hast du vielleicht ein Ritual um zumindest in Gedanken mit deiner Zwillingsschwester gemeinsam zu feiern?

Die Tatsache, dass meine Schwester tot ist, beeinflusst sehr wenig die Art, wie ich meinen Geburtstag feiere, eigentlich gar nicht. Natürlich ist es ein komisches Gefühl, wenn ich daran denke, dass wir zusammen auf die Welt gekommen sind und sie jetzt tot ist. Aber das ist ja nicht nur an unserem Geburtstag so, das ist ja an allen Tagen so.


Du hattest nur fünf gemeinsame Jahre mit deiner Zwillingsschwester. Viel zu kurz. Und doch ist dort viel passiert, was dich bis heute prägt. Merkst du an dir Verhaltensweisen oder Emotionen, die du ohne die gemeinsamen Jahre nicht hättest? Bist du z. B. verschlossener, emotionaler, einfühlsamer als du es ohne deine Zwillingsschwester wärest?

Es ist immer schwer zu sagen, was woher kommt, aber das mich diese Erfahrung sehr geprägt hat, davon gehe ich aus. Wenn man miterlebt, wie die Schwester stirbt, dann bedeutet es ja nicht nur, dass die Schwester nicht mehr da ist, das zieht ja unglaublich viel mit sich und erschüttert die ganze Welt, in der man bisher gelebt hat und sich sicher gefühlt hat.
Der Tod meiner Schwester hat mir ein Stück weit meine Leichtigkeit und mein Vertrauen in das Leben genommen, meine Unbeschwertheit. Und er hat vielleicht etwas Angst, Traurigkeit, Ernsthaftigkeit und Tiefe in mein Leben gebracht.


Konntest du dich in den Jahren nach ihrem Tod zu dir selbst entwickeln? Hast du eigene Hobbies oder Interessen heraus gefunden oder warst du durch dieses endgültige Ereignis zu sehr in Gedanken bei deiner Schwester? Wie gehst du heute damit um? Trotz des Gefühls der Hälftenhaftigkeit, spürst du auch dich selbst?

Ich war schon immer ich selbst, auch als meine Schwester noch lebte und nach ihrem Tod. Als Kind und auch heute bin ich nicht unablässig in Gedanken bei meiner Schwester, das ist eher ein Gefühl, das immer da ist, mal mehr, und mal weniger, aber selten als Gedanke. Ich muss nicht daran denken, um zu wissen, das meine Schwester tot ist, das ist ein Gefühl im Körper. Ich hatte schon immer sehr viele Interessen und Hobbys. Auch als meine Schwester noch lebte, habe ich viel ohne sie gemacht, viele Dinge, die sie nicht konnte. Ich habe viel mit meiner großen Schwester gespielt und mich ziemlich normal entwickelt. Natürlich bin ich ich und ich spüre mich. Ich bin ziemlich normal, würde ich sagen.


Viele Menschen sprechen dir das Recht ab zu trauern, weil deine Zwillingsschwester behindert war und der Tod damit in ihren Augen damit eine "Erlösung" darstellt. Ich finde diese Aussage unmöglich und sie macht mich unglaublich wütend. Jeder Mensch ist ein Mensch. Und wenn ein Mensch stirbt, dann "darf" man trauern und auch noch nach Jahren traurig über den Tod sein. Wie ist das bei dir? Empfindest du auch Wut über solche Sätze? Oder hast du diese Sätze zu lange gehört und bist abgestumpft?

Naja, ich denke schon, dass Menschen diese Sätze benutzen, um mich zu trösten oder weil sie der Ansicht sind, dass sie lieber sterben würden anstatt mit der Behinderung meiner Schwester zu leben. Das ist etwas, was ich nachvollziehen kann. Manchmal erkläre ich dann, wie ich den Tod meiner Schwester als Kind erlebte, dass ich ihn nicht als Erlösung erlebte, sondern als große Gemeinheit. Das können die meisten Menschen dann nachvollziehen. Viele Menschen können jedoch nicht nachvollziehen, dass ich um meine Schwester als Mensch trauere, weil meine Schwester gar nichts konnte und auch eigentlich nichts sein konnte. Sie verstehen nicht, wie man jemand lieben kann, der einfach nur da war und nichts weiter. Das wiederum kann ich nachvollziehen, weil ohne meine Schwester wüsste ich wahrscheinlich auch nicht, dass das geht. Ich habe das Glück, dass ich die Schwester sein konnte, die damit aufgewachsen ist, für die das normal war, die das mit dem Herz sehen konnte und nicht mit dem Verstand sehen musste. Ich bin nicht diejenige in der Geschichte, die um ihr Leben gerungen hat, nicht diejenige, die sie gepflegt hat, nicht diejenige, die ihr Leiden gesehen hat und nicht diejenige, die sich auf ein gesundes Kind gefreut hat. Von daher, nein Wut empfinde ich nicht, und mit Abstumpfung hat das auch nichts zu tun, ich glaube, es braucht Verständnis auf beiden Seiten. Ich erzähle manchmal von meinen Empfindungen, damit die Leute sehen, dass es noch mehr als ihre eigene Sicht gibt.


Glaubst du an ein Leben nach dem Tod?
Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod. Das ist auch ziemlich okay für mich.


Ein ganz herzliches Dankeschön an Claudia! Danke, dass du meine Fragen so ausführlich beantwortet hast! Danke für deine Zeit und Mühe. Und danke, dass du deinen Blog gestartet hast und uns mitnimmst in deine Erinnerungen und Gefühle!

Kommentare:

  1. ... bin sehr berührt von diesem interview und den einzelnen aspekten - und das wort "hälftenhaft" hat's mir besonders angetan.
    ich hab' ja beides: einen toten und einen behinderten bruder - aber das sind / waren zwei verschiedene personen ... dies in einem und dann auch noch als zwilling - das ist wieder eine ganz besondere dimension.
    auf dass wir weiter gut durchs leben kommen mit all' dem, was wir in unseren lebensrucksäcken mit uns herumtragen!
    lieben gruß von ines

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    1. Oh ja, das Wort "hälftenhaft" beschreibt ein Gefühl so treffend, das bisher irgendwie keinen Namen hatte, nicht wahr?!
      Vielen lieben Dank für deine warmen Worte!
      Auch wenn ich bisher nur einen kleinen Teil deiner Geschichte kenne, so ist auch das sehr spannend für mich und ich bewundere deine Kraft mit deiner Situation so umzugehen, wie du es tust! Gerade der Tod ist so etwas endgültiges.
      Liebe Grüße, Frauke

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  2. Ingrid, Bastelmaus ile19. Januar 2017 um 11:56

    Oh, liebe Frauke, im ersten Moment, nur so beim Überfliegen Deiner Überschrift war ich arg erschrocken...
    Ich habe natürlich den gesamten Text durchgelesen und überlege, ob man mit 5 Jahren schon so viel Erinnerungen haben kann. Man sagt ja immer, das Gedächtnis beginnt erst so allmählich mit 6 Jahren. Aber wahrscheinlich sind so einschneidende Erlebnisse auch für ein kleineres Kind vorhanden und es gibt gewiss auch Fotos, die vieles "lebendig" halten.
    Später werde ich mir dann auch noch die Beschreibung der Autorin durch lesen.
    LG Ingrid
    PS Danke für Deine Mail, beantworte ich in Kürze

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    1. Liebe Ingrid,
      oh ja, das mit dem Erinnern von vor dem 6. Geburtstag geht sehr gut. Ich erinnere mich an Dinge ab etwa 3 Jahre. Klar, nicht an alles durchgängig, aber doch an einiges.
      Ich wünsch dir einen schönen Abend, bis bald,
      Frauke

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Ich freu mich über jedes liebe Wort von euch :-)