Sonntag, 22. Januar 2017

Ist "behindert" ernsthaft ein Schimpfwort? Die Antworten von mir und meiner Zwillingsschwester

Seit ich denken kann, beschimpfen sich Menschen in meiner Gegenwart als "behindert" oder "Spasti". Seid ich denken kann, finde ich das nicht gut. Aber wer bin ich, dass ich anderen Menschen sagen kann, was sie sagen dürfen oder nicht?

In der 3. Klasse beschimpfte mich ein Mitschüler mal als "behindert". Da ging es mich dann doch was an. Ich ging zu unserer Klassenlehrerin und erzählte ihr davon. Auch davon, dass ich das unmöglich finde, weil schließlich meine Zwillingsschwester körperbehindert ist und ich das Schimpfwort deshalb noch schlimmer finde. Meine Klassenlehrerin reagiert sehr, äh, pädagogisch wertvoll: sie ging zu meinem Mitschüler und er sollte innerhalb einer Woche einen Aufsatz darüber verfassen, "wie schlimm eine Behinderung ist". Ja, ernsthaft. (Den Aufsatz hat er übrigens nie abgegeben und für meine Lehrerin war das Thema damals auch erledigt.)

Nun habe ich mich über all die Jahre damit abgefunden, dass die Menschheit seltsame Wörter benutzt um sich gegenseitig zu beschimpfen. Einige Wörter werden heute für gewöhnlich nicht mehr akzeptiert, wie z. B. "Neger". Andere sind immer noch sehr inflationär geläufig, wie z. B. "schwul" und halt auch "behindert".

Komischerweise werde ich immer wieder von Menschen gefragt, ob es ok ist, "behindert" als Schimpfwort zu benutzen, schließlich hätte ich ja eine behinderte Schwester und könne das doch nun beurteilen. Und man wolle damit meine Schwester nicht diskriminieren. Es sei halt ein Wort des normalen Sprachgebrauchs geworden.

Nö, kann ich das nicht beurteilen. Ich finde "behindert" und "Spasti" als Schimpfwörter nicht richtig, aber ich kann damit leben, dass man sie benutzt. Doch: ich selbst bin nicht behindert und fühle mich dementsprechend durch diese Wortwahl auch nicht diskriminiert.

Vor kurzem sprach Raul Krauthausen über Political Correctness. In meinen Augen fasst er sehr gut zusammen, wie sich jemand mit einer Behinderung bei diesen Wörtern fühlt. Außerdem weist er darauf hin, wer für gewöhnlich entscheidet, ob Wörter diskriminierend sind oder nicht.

Seine Worte haben mir nochmal vor Augen geführt, dass ich der völlig falsche Ansprechpartner bin, um die Frage "Ist es okay, wenn ich "behindert" sage?" mit richtig oder falsch beurteilen zu können.

Deshalb habe ich nun meine Zwillingsschwester gefragt. Sie hat seit unserer Geburt eine Tetraspastik, wodurch sie nicht sprechen kann und für die meisten Mitbürger in die Kategorie "geistigbehindert" fällt. Wenn es besonders gut läuft, rutscht sie bei besagten Leuten auch direkt in die Schublade: "Hätte man das nicht mit einer Abtreibung verhindert können?". Nö, hätte man nicht. Sauerstoffmangel bei der Geburt lässt sich halt nicht vor der Geburt diagnostizieren und kommt auch heutzutage immer noch vor. Und: Nö, sie ist nicht geistig behindert, sondern voll kognitiv da und ein durchaus sehr selbstbestimmter Mensch mit eigener Persönlichkeit. Ihre Sprechbehinderung gleicht sie durch einen Talker und eine sehr aktive Mimik aus. Für beides muss halt der Gegenüber die Augen und Ohren offen haben und sich nicht schon durch Vorurteile verblendet abwenden.

So, diese meine Schwester habe ich nun gefragt, wie sie es findet, dass "behindert" so häufig als Schimpfwort verwendet wird.

Scheinbar ist das Wort "scheiße" nicht im Grundvokabular ihres Talkers enthalten (was ja auch schon einiges über die Programmierer dieses Grundvokabulars aussagt bzw. darüber, welche Wörter Menschen wie meine Schwester in ihren Augen häufig verwenden).

"Doof" war ihr aber zu schwach.

Deshalb lautete ihr Antwort:

"Doofer!"

Wenn ich nun zukünftig nach meiner Absolution zu bescheuerten Schimpfwörtern gefragt werde, werde ich meine Zwillingsschwester zitieren.





Ninia LaGrande hat hier übrigens sehr lesenswert zusammen gefasst, was sie von dem Wort "Zwerg" in Bezug auf Menschen mit Kleinwuchs hält.

Nadine von NaLos-Mehrblick hat hier ihre Sichtweise zu dem Thema verschriftlicht. 

Und Mareice vom Kaiserinnenreich hat ihre Erlebenisse als Mutter einer Tochter mit Behinderung hier geschildert.

Kommentare:

  1. Ich finde, man sollte "behindert" definitiv nicht als Schimpfwort benutzen. Allerdings kann ich auch nicht mitreden, ich bin nicht betroffen von einer Behinderung. Aber auch "schwul" geht für mich als Schimpfwort nicht, auch wenn ich nicht schwul bin. Ganz schwierig finde ich aber die Suche nach zahlreichen Umschreibungen, die "korrekter" sein sollen. Vom "Behinderten" zum "Mensch mit Behinderung" und jetzt oft "Mensch mit Handicap" - aber Handicap heißt auf Deutsch übersetzt auch 1:1 "Behinderung". Und es macht doch auch einen großen Unterschied, ob man das beschreibend verwendet oder im Sinne eines Schimpfworts – der Kontext bestimmt die Bedeutung mit.

    Macht es einen Unterschied, ob man "Flüchtling" oder "Geflüchter" sagt? Wäre es nicht auch gut, einfach die Dinge beim Namen zu nennen, um dann auch mit ihnen umgehen zu können? (Das hat mit Schimpfwörtern rein gar nichts zu tun.)

    Aber vielleicht magst Du auch mal Deine Schwester fragen, wie sie das sieht. Denn ich bin ja ein Außenstehender bei dem Thema.

    Manche gehen so weit, dass sie das Wort "verrückt" generell als diskriminierend empfinden, weil es angeblich psychisch kranke Menschen beleidigt. Wie siehst Du das als Betroffene?

    Ich selbst als Betroffener benutze durchaus Wörter wie "wahnsinnig" in Bezug auf mich selbst, auch wenn das offiziell out und verwerflich ist. Und zwar, weil es für mich meine Gefühlswelt in seelisch akuten Zuständen ausdrückt. Ich finde mich in diesem Wort wieder. Weniger, um mich depressiv abzuwerten, sondern um die Unfassbarkeit der extremen Gefühlszustände mit einem Wort benennen zu können.

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    1. Ich bin da ganz bei dir: schwul oder alles in die Richtung geht für mich als Schimpfwort auch gar nicht. Eh, alles, was etwas beschreibt oder benennt, als Schimpfwort zu verwenden, es also von etwas beschreibendem in etwas abwertendes zu verwandeln, finde ich schwierig.
      Manche Beschreibungswörter in eine "korrektere" Bezeichnung zu überführen, empfinde ich auch als Haarspalterei. Wie z. B. Anwohner zu Bewohner oder andersherum, wie ich es unlängst auf einigen Parkschildern gesehen habe.
      Meine Schwester hat eine Behinderung und sieht sich damit selbst als Mensch mit Behinderung. Ich habe eine Depression und sehe mich damit als Mensch mit Depression oder psychischer Erkrankung.
      Verrückt oder wahnsinnig finde ich übrigens nicht diskriminierend, weil eine psychische Erkrankung in meinem Verständnis nichts verrücktes an sich hat. Wenn manche Menschen das anders sehen, es anders verwenden oder sich dadurch angegriffen fühlen, kann ich das aber natürlich akzeptieren.
      Für mich bedeuten diese Worte nur Beschreibungen von etwas, ohne es negativ (oder positiv) zu bewerten. Aber da mag auch jeder anderer Auffassung sein.
      Solange wir alle tolerant genug sind, eine andere Meinung als unsere eigene anzuhören und akzeptieren zu können (solange sie nicht verletztend, angreifend, diskriminierend oder sonst was ist), wird es etwas friedlicher und verständiger im zwischenmenschlichen Bereich werden.
      Danke für deine Worte!

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  2. Wenn das Wort "behindert" als Schimpfwort benutzt wird, (wie z.B. unter Jugendlichen)finde ich auch nicht okay. Aber das Wort als solches ist doch in Ordnung. Ich war 20 Jahre mit einem "Behinderten" (Glasknochen) verheiratet und empfand es nie als Schimpfwort. (er auch nicht - seine Job war sogar "Behinderten-Beauftragter". Später dann allerdings "Beauftragter für Menschen mit Behinderung.
    Die Ausweise, die es gibt heißen auch "Schwerbehinderten-Ausweis" Da müsste ja dann ein Steigerung von "behindert" sein. Es kommt immer auf den Kontext an und nicht auf das Wort als solches.

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    1. Genau, es sind zwei verschiedene Bedeutungen, ob ich ein Wort als Schimpfwort verwende oder ob ich es in seiner ursprünglichen, beschreibenden Weise verwende.

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Ich freu mich über jedes liebe Wort von euch :-)