Freitag, 1. September 2017

Suizid - ein Tabuthema das keines sein sollte

Suizid oder Selbstmord oder wie auch immer man es bezeichnet ist nach wie vor ein Tabuthema. Keiner spricht darüber und die Presse berichtet nur in Ausnahmefällen. Aber jetzt mal Hand aufs Herz: kennt nicht jeder von uns jemanden, der zumindest schon mal versucht hat sich das Leben zu nehmen? Grund genug, das Tabu rund um das Thema endlich mal aus der Welt zu schaffen. Denn: REDEN hilft!

Wie ihr vielleicht noch wisst, habe ich mich schon intensiv mit der Thematik befasst und habe auch eine Phase der Angst vor meiner eigenen Depression durchgemacht. Suizid ist in meinem Leben so normal, wie jede andere Todesform auch. Wobei "normal" in Bezug auf "Tod" viel zu banal klingt. Normal ist der Tod nie, ganz egal wie der Mensch aus dem Leben tritt.

Doch warum begehen Menschen Suizide? Als völlig Außenstehende ist das schwer nachvollziehbar. Seit ich mit meiner Depression irgendwie klar kommen musste, kann ich suizidale Gedanken sehr gut nachvollziehen. Meine Sichtweise während eines starken Tiefs kann ich versuchen in Worte zu fassen, doch wirklich nachfühlen ist (wahrscheinlich zum Glück) für Nicht-Betroffene nur schwierig möglich. Diese Schwärze in mir drin, die komplette Hoffnungslosigkeit, die niemals enden wollende Aussichtslosigkeit. Die eingeschränke Wahrnehmung meines Körpers durch Dissoziationen bestärkt meine negative Gedankenspirale zusätzlich. Und so geht es nicht nur mir, so ergeht es vielen Menschen. Jeder nimmt das natürlich anders wahr, jeder hat andere Auslöser, andere Krankheiten, andere Gedanken, einen anderen Umgang damit.

Doch eines hilft jedem von uns: sich damit nicht einsam und alleine fühlen. 

Solange ich weiß, dass es Menschen gibt, die mir Herzen liegen und denen ich am Herzen liegen, die an mich denken und auf mich und mein Wohlergehen achten, solange verbleibt ein Funken Hoffnung. Das ist nicht bei jedem so, aber bei vielen. Ich erwarte von keinem meiner Freunde, dass er die Rolle eines Therapeuten übernimmt. Vielmehr baue ich auf ein offenes Ohr und dass sie mich nicht aufgeben, wenn es mir echt scheiße geht. REDEN HILFT!

Was könnt ihr also tun, wenn ihr bei jemandem in eurem Freundes-/Bekannten-/Familienkreis merkt, dass es demjenigen scheinbar nicht so richtig dolle geht? Oder wenn derjenige konkrete suizidale Absichten äußert?

Sprecht es an. Fragt denjenigen unter vier oder sechs Augen, wie es ihm geht. Sagt ihm, dass ihr euch Sorgen macht. Dass ihr ihm helfen möchtet und er nicht allein ist. Dass er auf euch zählen kann. Dass ihr ihm helfen könnt, Hilfe zu finden. Auch wenn ihr vielleicht genauso hilflos gegenüber der Depression (oder welche Krankheit es auch immer sein mag) seid, sprecht dies an. Der Gegenüber möchte meist keine mehr oder weniger klugen Ratschläge, sondern Verständnis und Akzeptanz. Wenn beide Seiten hilflos angesichts einer beschissenen Situation sind, ist das erstmal normal. Sich das einzugestehen, fällt meist trotzdem schwer. Sobald ihr euch das klar gemacht habt, könnt ihr gemeinsam nach passender Hilfe suchen.

Aber achtet auch auf eine Grenze! Ihr könnt keinen Therapeuten oder Arzt ersetzen und das müsst ihr auch nicht! (Mit einer Freundin, die ebenfalls Depressionen hat, habe ich beispielsweise die Abmachung, dass wir einander sehr ehrlich und direkt sagen dürfen, wenn es uns zu viel wird, während der andere gerade sein Herz ausschüttet. Schließlich möchten wir uns gegenseitig nicht zu sehr belasten oder erschüttern, wenn es dem anderen gerade auch nicht allzu stabil geht. Doch wir wissen, dass wir füreinander da sind. Egal, bei was und egal, wann.) 

Holt euch Hilfe von Menschen, die vom Fach sind. Dies kann z. B. die Telefonseelsorge sein: rund um die Uhr und kostenfrei, telefonisch, per Chatkontakt, Mailberatung oder vor Ort!

Auf meiner Unterseite "Depression" habe ich euch meine Texte zum Thema und auch Anlauf-/Hilfestellen verlinkt, sowohl für Betroffene, als auch für Angehörige und Freunde.

Meine sehr große Bitte an euch: wenn euch gegenüber jemand sein Herz öffnet und von seinen Problemen/Schwierigkeiten berichtet, nehmt denjenigen ernst. Ein offenes Ohr ist gold wert. Schaut, was ihr tun könnt (zuhören, gemeinsam zum (Haus-)Arzt gehen oder euch vielleicht einfach nur regelmäßig auf ein Eis treffen).

In Deutschland nimmt sich alle 53 Minuten jemand das Leben und alle 4 Minuten versucht sich jemand das Leben zu nehmen. Das sind im Jahr etwa 10.000 Todesfälle durch Suizid.

Habt ihr schon mal jemanden mit einer Semikolon-Tätowierung gesehen? Wahrscheinlich hat dieser schon mal an einem solchen Punkt gestanden, sich dann aber doch gegen das Ende entschieden. 

Wenn wir alle mehr zuhören, können wir vielleicht einige Suizide verhindern. Nicht alle, aber jeder weniger, ist einer weniger.



Diesen Text habe ich im Rahmen der Blogparade "Chancen, Wege und Methoden die Gedanken an Suizid zu vertreiben" der Telefonseelsorge geschrieben. Wenn ihr auch einen Blog habt und zu dem Thema einen Blogpost schreiben möchtet, dann schaut einfach auf dieser Seite der Telefonseelsorge. Dort steht alles rund um die Blogparade beschrieben!


Und noch eine Bitte, die mir im Rahmen meiner Recherche zu diesem Text bewusst geworden ist: googelt bitte nur nach sehr ausgewählten Begriffen, wie z. B. "Hilfsangebote Depression". Vermeidet dringend Suchbegriffe oder Internetseiten, die in eine suizidale Richtung gehen! Das hilft NIEMANDEM! Ich hatte gerade eine Seite offen, wo empfohlen wurde Tee zu trinken, weil der gegen Depressionen helfen soll. Egal welcher, hauptsache Tee trinken. Und das war eine der harmlosen Seiten mit den harmlosen Tipps. Sucht euch adäquate Hilfe und verirrt euch nicht auf verstörende Homepages! 


Kommentare:

  1. Ja zum Reden und Ja zum Thema machen und enttabuisieren! Es ist unbedingt wichtig, dass Betroffene wissen, dass sie auf offene Ohren stoßen bei Freunden, Familie und Ärzten.
    Ein weiteres Tabu sehe ich persönlich aber im Umgang mit Suizid an sich. Reden und Therapie sind halt leider nicht immer die Lösung. Und auch wenn das selten auf Verständnis stößt bin ich der Meinung, dass eine Depression als Krankheit gesehen werden sollte, die tödlich enden KANN und dass den Betroffenen das Gefühl gegeben werden sollte, dass es okay ist. Nicht gut! Aber okay. Es. Leibt tragisch, schmerzhaft, scheiße. Aber ich kann da persönlich den Vergleich zu einer Krebserkrankung ziehen (der einzigen Krankheit neben Depression, an die ich Freunde verloren habe): auch da wird behandelt und alles versucht. Und das soll natürlich auch unbedingt so sein! Aber als es keinen Ausweg mehr gab, hat sich meine Freundin gefreut, dass wir Abschied genommen haben. Dass sie in Frieden gehen konnte, weil es schlimm, aber okay war, loszulassen.
    Ich bin mir sicher, dass sich vieles durch offene Gespräche, ehrlichen Umgang, Behandlung und Therapie verbessern, heilen und verhindern lässt. Aber eben nicht immer. Deshalb unbedingt das Gespräch suchen aber Depression trotz ihrer schweren Greifbarkeit auch als Krankheit mit all ihren Eventualitäten anerkennen.

    (Mir fällt es schwer, das in geschriebene Worte zu packen und hoffe, das kommt nicht blöd rüber. Es ist nur meine Meinung ;))

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    1. Ich finde es sehr gut formuliert und stimme in jedem Punkt zu. Doch leider ist unsere Welt noch nicht reif dafür. Offen über solche Dinge zu sprechen ist fast unmöglich und unter Freunden sehr bedenklich, da die Betroffenheit, Sorge Hilflosigkeit und Emotionalität schrecklich sein kann.

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    2. Deine Worte kommen gar nicht blöd rüber, wirklich! Ich weiß sehr gut, was du meinst. Manchmal geht es einfach nicht weiter, wenn alle Wege versucht werden. Eine Depression ist halt immer noch eine krasse Krankheit.
      Mir ist wichtig, dass die Suizide verhindert werden, die verhindert werden können, wenn derjenige auf offene Ohren trifft, es genügend Hilfe-/Anlaufstellen gibt und diese auch niedrigschwellig gefunden und kontaktiert werden können und dass das Thema nicht länger aus Scham, Angst oder sonstigen Gründen einfach verschwiegen wird.
      Danke für deine offenen Worte! <3

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    3. An den oder die anonyme KommentarschreiberIn:
      Vielleicht ist unsere Welt noch nicht reif dafür. Aber ich versuche, den Weg durch Texte wie diesen etwas zu ebnen und Nicht-Betroffenen zu zeigen, wie ein Leben mit einer chronischen Krankheit, wie der Depression aussehen kann. So können auch Nicht-Betroffene, die sich anonym informieren möchten, einen Einblick gelangen und hoffentlich mehr Verständnis entwickeln.

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    4. Auch an den/die anonyme/n Schreiber/in (hui... ;))
      Ich denke, dass die Welt für vieles, dass mit dem Thema Tod allgemein zu tun hat, nicht reif bzw nicht offen ist. Denn da muss ich dem Text von Frauke widersprechen: der Tod IST normal und gehört zum Leben leider dazu. Wir wollen das nur oft nicht anerkennen, weil wir doch liebe Menschen an ihn verlieren. Mir persönlich fällt das auch schwer. Aber deshalb finde ich erst Recht, dass wir den Tod in unserer Gesellschaft viel stärker thematisieren müssen.

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  2. Ein wunderbarer und so nahe gehender Text. Es sollten sich alle eine Scheibe von diesen Worten abschneiden. Danke Frauke fürs Teilen <3

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  3. Ich stimme Alizeti zu, danke dafür Frauke! Tatsächlich habe ich vorher noch nie etwas von der Tättowierung gehört.

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    1. Danke liebe Nina <3
      Wie schön, dass du nun den Hintergrund zu den Tätowierungen kennst!

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Ich freu mich über jedes liebe Wort von euch :-)